Wie stehen sie zu freien Schulen, wie Waldorfschule?
Hallo Frau G.,
Schulen in freier Trägerschaft haben in Deutschland eine lange Tradition und sind grundgesetzlich geschützt. Ich halte es für wichtig, dass es möglich ist, in alternativen Schulformen zu unterrichten, denn bestimmte Schulformen können für manche Kinder einfach besser geeignet sein als andere.
Ich beobachte allerdings die Tendenz in unserer Gesellschaft, dass Eltern ihre Kinder vermehrt auf Privatschulen schicken, weil sie zunehmend unzufrieden sind mit der Leistung des öffentlichen Bildungssystems. Das ist problematisch, weil es nicht sein darf, dass in Deutschland die Bildungschancen eines Kindes vom Besuch einer Schule in freier Trägerschaft, und damit oft vom Geldbeutel der Eltern, abhängen.
Für uns als BSW bedeutet dies, dass wir zunächst das öffentliche Bildungssystem "auf Vordermann" bringen müssen, wo es das nicht ist. Bildungsniveaus befinden sich seit Jahrzehnten zum Teil im freien Fall und diesem Trend muss energisch entgegengertreten werden. Bildung ist unsere wichtigste Ressource.
Die öffentlichen Schulen müssen so gut werden, dass kein Kind benachteiligt wird, nur weil die Eltern kein Schulgeld zahlen können. In Berlin und Reinickendorf heißt das zuerst: genug Lehrkräfte, sanierte Gebäude, Lesen-Schreiben-Rechnen in der Grundschule, keine Smartphones im Unterricht der Kleinen, echte Berufsorientierung und Schulen, die wieder Orte der Ruhe und Leistung sind – nicht der Verwahrlosung.
Vieles, was Eltern an Waldorfschulen schätzen – handwerkliches und künstlerisches Lernen, weniger Bildschirm in der Unterstufe, Lernen mit Kopf, Herz und Hand – gehört für uns ins öffentliche Schulwesen, nicht ins Privileg weniger Familien. Deshalb investieren wir zuerst in gute staatliche Schulen für alle als in ein Zweiklassensystem.
Freie Schulen – ob Waldorf, Montessori oder konfessionell – können dieses Angebot ergänzen, wenn drei Bedingungen gelten:
- Sie stehen Kindern unabhängig vom Einkommen offen. Schulgeld darf keine soziale Ausgrenzung erzeugen. Wo der Staat Zuschüsse zahlt, muss das Sonderungsverbot ernst genommen werden.
- Sie vermitteln belastbare Abschlüsse und Kernkompetenzen. Pädagogische Freiheit ist kein Freibrief für Ideologie statt Bildung.
- Sie unterliegen derselben staatlichen Aufsicht wie öffentliche Schulen. Fundamentalismus und Indoktrination lehnen wir in jeder weltanschaulichen Richtung ab.
Sind diese Bedingungen erfüllt, sind freie Schulen ein wertvoller Teil unserer Schullandschaft.
Viele Grüße
Bernd Staege
