Finden Sie es fair und gerecht, dass junge Leute in Zukunft extrem lange für ihre abschlagsfreie Rente arbeiten sollen?
Sehr geehrte Frau Klose,
Sie sind Mitglied der Alterssicherungskommission und plädieren für die Abschaffung der Rente für besonders langjährig Versicherte.
Finden Sie es tatsächlich fair, wenn ein heute 16-jähriger Lehrling nach den Plänen der Kommission voraussichtlich ca. 53 Jahre arbeiten müsste, bevor er abschlagsfrei in Rente gehen kann?
Was hat eine solche Regelung aus Ihrer Sicht mit der von der Kommission immer wieder betonten Rücksicht auf die junge Generation zu tun?
Und glauben Sie wirklich, dass es realistisch ist, dass Menschen über fünf Jahrzehnte hinweg in Beschäftigung bleiben können - gerade mit Blick auf körperlich belastende Berufe und gesundheitliche Einschränkungen?
Finden Sie nicht selbst, dass es eine Deckelung der erforderlichen Berufs- und Beitragsjahre braucht, um Arbeitnehmer/innen mit frühem Berufseinstieg und sehr langen Arbeitsbiografien vor körperlicher Überlastung und Auszehrung zu schützen? Oder was versteht die SPD noch unter "Respekt für Dich"?
Sehr geehrter Herr S.,
vielen Dank für Ihre Mail hinsichtlich der Veröffentlichung des Berichtes der Alterssicherungskommission.
Zunächst freue ich mich, dass wir mit den Vorschlägen ein stimmiges Gesamtpaket schnüren konnten. Mit einer vollständigen Umsetzung erreichen wir wichtige Fortschritte für unser gemeinsames Alterssicherungssystem. Gleichzeitig möchte ich betonen, dass dieses Ergebnis nur möglich war, weil alle Seiten Kompromisse eingegangen sind. Umso erfreulicher ist es, dass wir am Ende dennoch eine einstimmige Einigung erzielen konnten.
Mit den Vorschlägen erreichen wir für alle Versicherten ein höheres Rentenniveau als nach geltendem Recht, wovon insbesondere die jüngeren Generationen profitieren werden. Ganz wichtig ist auch das Bekenntnis der Rentenkommission zu einer Erwerbstätigenversicherung, in die alle Menschen einzahlen. Dafür werden wir im ersten Schritt alle neuen Selbstständigen in die gesetzliche Rente integrieren. Dasselbe gilt für Abgeordnete im Bundestag und den Landtagen sowie Vorstandsmitglieder von Aktiengesellschaften. Damit schließen wir eine Sicherungs- und Gerechtigkeitslücke. Auch Beamt:innen sollen perspektivisch in die GRV geholt werden – aufgrund der komplexen Rechtslage ist das aber eine Aufgabe, die uns mehr Zeit kosten wird. Daher sollen in der Zwischenzeit Rentenreformen wirkungsgleich auf Beamtenpensionen übertragen werden.
Eine Verbesserung des Rentenniveaus erreichen wir unter anderem mit einer Kopplung der Entwicklung des Renteneintrittsalters an die Lebenswartung. Hierdurch käme es nach aktuellen Prognosen zu einer moderaten Anhebung des Renteneintrittsalters von einem etwa sechs Monaten späteren Renteneintritt alle zehn Jahre. Dies bedeutet, dass das Renteneintrittsalter von 2031 bis 2041 auf 67,5 Jahre steigt und bis 2051 auf 68 Jahre. Dieser Mechanismus ist jedoch kein Automatismus: Sollte die Lebenserwartung in den nächsten Jahren stagnieren oder sinken, steigt auch die Regelaltersgrenze nicht, beziehungsweise sinkt entsprechend.
Gleichzeitig gehen wir einen Schritt hin zu einer ergänzenden Kapitaldeckung der Rente nach schwedischem Modell. Die daraus erzielten Erträge sollen individuell den Versicherten zugutekommen und zusammen mit dem umlagefinanzierten Teil ausgezahlt werden. Hierfür sollen sowohl Arbeitnehmer:in und Arbeitgeber:in jeweils verpflichtend ein Prozent des Bruttolohnes einzahlen. Dadurch wird perspektivisch auch wieder ein Anstieg des Rentenniveaus erreicht, sodass die heute jüngere Generation sogar höhere Renten erzielen kann als heute.
Eine Maßnahme, die ich als Sozialdemokratin nur schwer mittragen kann, ist die Abschaffung der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte - der sogenannten „Rente mit 63“. Diese wurde vor 12 Jahren von uns als SPD eingeführt. Im Rahmen des Gesamtpakets hat sich die Kommission jedoch darauf verständigt, sie nicht fortzuführen. Für Menschen, die nach langer Beitragszeit aus gesundheitlichen Gründen kurz vor Erreichen des Renteneintrittsalters nicht mehr in ihrem bisherigen Berufsfeld tätig sein können, wollen wir eine neue Schutzrente schaffen. Nach einer individuellen Gesundheitsprüfung soll für sie ein abschlagsfreier Rentenzugang zwei Jahre vor dem regulären Rentenalter möglich sein. Wie diese Regelungen sowie die Beendigung der „Rente mit 63“ konkret ausgestaltet wird – etwa mit Blick auf Übergangsregelungen –, muss nun im politischen Prozess entschieden werden und ist Teil einer größeren Debatte. Ich bitte Sie daher an dieser Stelle noch um etwas Geduld, auch wenn ich die damit verbundene Unsicherheit sehr gut nachvollziehen kann. Fest steht jedoch, dass der Bestands- und Vertrauensschutz rechtlich gewährleistet sein muss. Dies wird bei der konkreten Ausgestaltung eine zentrale Rolle spielen, um Lebens- und Erwerbsplanungen zu berücksichtigen. Ich plädiere dabei dafür, mindestens fünf Jahre anzusetzen, da bereits viele Menschen Altersteilzeitverträge geschlossen habe, worauf diese sich verlassen können müssen. Zudem lässt die bisherige Rechtsprechung vermuten, dass ein derartiger Zeitraum als angemessen gelten würde.
Insgesamt finde ich dieses Paket durchaus generationengerecht. Wir erreichen, dass für alle Versicherten, aktuelle oder zukünftige Rentner:innen ein höheres Rentenniveau sichergestellt werden kann. Natürlich setzen wir uns als SPD zusammen mit den Gewerkschaften dafür ein, dass durch gute Arbeitsbedingungen ein gesundes Arbeiten bis ins Alter möglich bleibt. Für besonders langjährig Versicherte, für die es gesundheitlich nicht möglich sein wird, bis zum regulären Renteneintrittsalters zu arbeiten, setze ich mich für eine möglichst bürokratiearme Sonderregelung ein. Gleichzeitig führt ein längeres Arbeiten auch dazu, dass mehr Rentenpunkte gesammelt werden können, wodurch eine höhere Rente erarbeitet wird.
Abschließend möchte ich mich nochmal für Ihre Nachricht bedanken. Mir liegt der Austausch mit engagierten Menschen sehr am Herzen und ich betrachte diesen als Bereicherung für meine parlamentarische Arbeit!
Mit freundlichen Grüßen
Annika Klose
