Wie stellen sie sich das vor, "ein Krankenhaus für jeden Ort" zu betreiben?
Sehr geehrter Herr Graßhof,
in Geislingen bin ich auf ein Plakat Ihrer Partei mit der Forderung „eine Klinik für jeden Ort“ gestoßen.
Wie stellen Sie sich die praktische Umsetzung vor – insbesondere angesichts von Fachkräftemangel, steigenden Betriebskosten und finanziellen Defiziten vieler Krankenhäuser? Sind Ihnen die strukturellen Probleme der ehemaligen Helfensteinklinik bekannt, und wie soll bei einer kleinteiligen Krankenhausstruktur eine dauerhaft hohe Behandlungsqualität sowie ausreichende Spezialisierung sichergestellt werden?
Zudem leben Bürger in Geislingen und Umgebung bereits in einer Region mit vergleichsweise hoher Krankenhausdichte und guter Erreichbarkeit weiterer Standorte. Halten Sie unter diesen Voraussetzungen den Ausbau zusätzlicher Kliniken für prioritäre Gesundheitspolitik, oder geht es Ihnen eher um den Erhalt bestehender Strukturen?
Für eine Erläuterung Ihrer konkreten Konzepte und Finanzierungsmodelle wäre ich Ihnen dankbar.
Lieber Herr R.,
zunächst einmal herzlichen Dank für Ihre Frage! Sie zeugt von politischem Engagement und das brauchen wir mehr denn je. Miteinander ins Gespräch kommen, Einigkeit über Sachverhalte herstellen, gemeinsam, demokratisch nach guten Lösungen suchen.
Hier nun meine Antwort auf Ihre Frage, eine Antwort, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und schon gar nicht auf Perfektion. Vielmehr ein Versuch ins Gespräch zu kommen mit einer Grundlage, auf deren Basis dann die wirklichen Experten weiter diskutieren können, mit dem Ziel, entscheidungsreife Konzepte für die Politik zu entwickeln.
Die Forderung „eine Klinik für jeden Ort“ kann nur als politischer Leitgedanke verstanden werden – praktisch geht es um eine verlässliche, wohnortnahe Grund‑ und Notfallversorgung, nicht um ein vollausgestattetes Akutkrankenhaus in jeder Gemeinde.
Was „eine Klinik für jeden Ort“ konkret heißen kann – hier als ein mögliches Konzept für „eine kleine Klinik / ein starkes Gesundheitszentrum Geislingen“:
1. Grundidee für Geislingen
- Weiterentwicklung des Gesundheitszentrums Helfenstein zu einem „Level‑1i‑Haus“ der Grundversorgung (im Sinne der Krankenhausreform: sektorübergreifende Einrichtung mit stationären Kurzliegerbetten).
- Klare Aufgabenteilung: Geislingen für wohnortnahe Grund‑, Notfall‑ und Kurzzeitversorgung, Göppingen für komplexe stationäre und hochspezialisierte Leistungen.
Begründung: Gebäude, Ärztehaus und bestehende Angebote (MVZ, Fachärzte, Kurzstationäre Allgemeinmedizinische Versorgung KAV, Praxis für Allgemein‑ und Akutmedizin) sind bereits vorhanden und funktionieren – Geislingen ist heute de facto schon Gesundheitsknoten für das Obere Filstal.
2. Konkretes Leistungsprofil
Ambulant (Ausbau des Status quo):
- Hausärztliche Praxis für Allgemein‑ und Akutmedizin mit längeren Öffnungszeiten, inkl. tagesnahe Notfallsprechstunde.
- Fachärzte: Innere, Chirurgie (v.a. Nachsorge, kleine Eingriffe), Neurologie, Radiologie, Gynäkologie, weitere je nach Akquise.
- Ambulantes OP‑Zentrum (sanierter früherer OP‑Trakt) für kleine und mittlere Eingriffe, tagesstationär.
Stationär/kurzstationär:
- Ausbau der Kurzstationären Allgemeinmedizinischen Versorgung (KAV) von heute begrenztem Kassenmodell hin zu einem regulären, kassenübergreifenden Angebot mit ca. 20–30 Betten.
- Schwerpunkt: internistische, geriatrische und allgemeinmedizinische Kurzzeitbehandlung, z.B. bei Dehydratation, Herzinsuffizienz‑Entgleisungen, unklaren Infekten, Sturzfolgen ohne OP‑Pflicht.
- Kein eigener großer OP‑Dienst, keine Intensivstation, keine großen Unfall‑ und Tumoroperationen – diese bleiben in Göppingen.
Notfall und Erreichbarkeit:
- Allgemeinmedizinische Notfallpraxis mit täglich verlässlichen Kernzeiten (tagsüber, abends) plus Anbindung an den KV‑Bereitschaftsdienst und eine klare Schnittstelle zur Leitstelle.
- Beobachtungs‑ und Überwachungsbetten rund um die Uhr (z.B. 6–8 Betten), um Patienten nicht sofort nach Göppingen verlegen zu müssen.
Ergänzende Angebote:
- Tagesklinik für Geriatrie/Frührehabilitation (z.B. Schlaganfall‑Nachsorge, Sturzprävention, Demenzdiagnostik) in Kooperation mit Göppingen.
- Starke Einbindung von Physiotherapie, Logopädie, ambulanter Pflege, Sozialdienst, kommunaler Pflegeberatung im Haus.
3. Personalbedarf (grob)
- Ärztlich:
- 1–2 leitende Fachärzte Innere/Allgemeinmedizin für KAV/Station.
- 3–4 weitere Fach‑ und Weiterbildungsärzte (Innere, Allgemeinmedizin; anteilig Chirurgie für Notfall‑/Nachsorge).
- 1 Ärztliche Leitung ambulantes OP‑Zentrum (ggf. teilzeit aus Göppingen rotierend).
- Pflege:
- Station/KAV: rund um die Uhr Betrieb, z.B. 10–12 Pflegekräfte (Vollzeitäquivalente) plus Hilfskräfte, um einen verlässlichen 3‑Schicht‑Dienst abzubilden.
- Ambulante Bereiche/OP: zusätzlich OP‑Pflege, Anästhesie‑Assistenz, MFA für Notfallpraxis und MVZ.
- Weitere Berufsgruppen:
- Physiotherapie, Sozialdienst, Verwaltung/Case Management, Servicekräfte, Technik.
Wichtig ist ein Konzept, bei dem bestimmte Funktionen (z.B. Fachärzte, OP‑Teams) zwischen Göppingen und Geislingen rotieren, damit keine dünnen Einzelposten wie früher in der Helfensteinklinik entstehen.
4. Finanzierung: Bausteine
a) Investitionen (Gebäude, Umbau, Technik)
- Land Baden‑Württemberg: gezielte Förderlinie für Umwandlung kleiner Kliniken in Level‑1i‑Einrichtungen/Gesundheitszentren (z.B. aus Landeskrankenhausförderung plus Sonderprogrammen der Krankenhausreform).
- Landkreis als Eigentümer: Sicherung des Areals und Eigenanteil bei Umbauten (z.B. OP‑Sanierung, Stationsmodernisierung).
- Bund/Land‑Programme für integrierte Versorgung im ländlichen Raum (Modellcharakter KAV, multiprofessionelle Zentren).
b) Laufende Finanzierung
- Kombination aus:
- Vorhaltepauschalen für Grundversorgung und Notfall (Level‑1i‑Haus, Notfallversorgung, KAV‑Betten).sozialministerium.
- DRG‑Vergütung für klar definierte stationäre Leistungen mit Mindestfallzahlen, soweit sie in Geislingen sinnvoll sind (z.B. bestimmte internistische DRGs).
- Selektivverträge/integrierte Versorgungsverträge mit Kassen (AOK‑Erfahrung mit der KAV als Startpunkt), um die Kurzzeitversorgung und Vermeidung unnötiger Krankenhausaufenthalte extra zu honorieren.
- Ziel: Fixkosten (Personal, 24/7‑Bereitschaft) weitgehend über Vorhalte‑ und Strukturmittel abdecken, fallzahlabhängige Erlöse nur für einen klar definierten Leistungsbereich nutzen.
c) Personalpolitik
- Standortvorteile:
- Planbare Dienste, weniger Hochrisiko‑Medizin als in einer Vollklinik, familienfreundliche Arbeitszeiten in vielen Bereichen.
- Politische Forderung:
- Mehr Medizinstudienplätze mit Landarzt‑/Landinternisten‑Quote, Förderung von Facharztweiterbildung im Verbund Göppingen-Geislingen.
Tarifgebundene, attraktive Löhne (kommunaler Träger), Entlastung von Bürokratie durch Digitalisierung und gemeinsame Verwaltung mit Göppingen.
Ich würde mich freuen, wenn diese Gedanken zielführend erscheinen. Sie sind im übrigen aus vorhandenen Publikationen entstanden, beinhalten also weitestgehend bereits bestehende Überlegungen, die ich aus "politischer" Sicht ergänzt habe (d.h. was wäre aus Sicht unserer Bürger*innen wünschbar).
Mit besten Grüßen,
Bernd Graßhof
