Was bedeutet Ihnen der heutige Gedenktag, 27. Januar, und wie können Sie diesen angemessen würdigen?
Sehr geehrter Herr Drößler,
heute, am 27. Januar, dem internationalen Gedenktag an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, gedenken wir der über eine Million Menschen, die dort von Deutschen und ihren Kollaborateuren ermordet wurden – Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, politische Gefangene, Widerstandskämpfer, kranke und behinderte Menschen sowie Millionen verschleppte Slawen und Zwangsarbeiter.
Vor diesem historischen Hintergrund möchte ich Sie fragen:
Wie gehen Sie als Repräsentantinnen und Repräsentanten einer Partei, deren Rhetorik und Geschichtsverständnis immer wieder in der Nähe von Relativierungen der Nazi-Verbrechen zu verorten ist, mit der Verantwortung um, an diesen Tag würdevoll und glaubwürdig zu erinnern?
Halten Sie es angesichts der von Ihrer Partei angeführten „Schuldkult“ und „erinnerungspolitische Wende“ ein ehrliches Gedenken an die Opfer des Holocaust für möglich? Wie halten Sie es persönlich?
Die erinnerungspolitische Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat aus meiner Sicht in der Tat dazu geführt, dass die Deutschen ihre nationale Identität auf die Verbrechen von vor 80 Jahren reduzieren und damit eine kulturelle Selbstentfremdung erlitten haben. Dies meinen Sie vermutlich mit Verweis auf den Begriff eines „Schuldkultes“.
Ich halte es für vereinbar, den Opfern würdevoll zu gedenken und die Ereignisse des 20. Jahrhunderts zugleich zu historisieren und dabei den Blick hinsichtlich der deutschen Geschichte über die 30er- und 40er-Jahre hinaus auszuweiten. Dies mag auch Ihnen als „Revisionismus“ erscheinen, ich halte es hingegen für einen reifen Umgang mit der Vergangenheit.
Wenn Deutschland in den kommenden Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bestehen will, muss sich gesellschaftlich ein ausgewogeneres Verhältnis zur eigenen nationalen Identität entwickeln, bei dem nicht jede notwendige Entscheidung (z.B. Abschiebungen) mit einem (oftmals unangemessenen) Bezug auf die historische Verantwortung gemessen wird.
