Lieber Ole, warum sollte Grundsicherung nicht mit gemeinnütziger Arbeit verbunden sein, gerade wenn man fit ist, z. B. Straßenreinigung, Pflege öffentl. Anlagen oder Unterstützung sozialer Projekte?
Mein alter Freund, auch wenn wir uns lange nicht gesehen haben: Ich schätze dich als fairen, ehrlichen und empathischen Menschen, der sich für andere einsetzt und gut zuhört; ruhig, ausgewogen, verlässlich. Nur einmal habe ich dich aus der Ruhe gebracht: als ich dir damals das Ende von „Die fünfte Frau“ von Henning Mankell verraten habe. Ansonsten genau so, wie man sich einen vertrauenswürdigen Gesprächspartner wünscht. Deshalb interessiert mich deine Sicht auf das Thema sehr. Beste Grüße aus Düsseldorf nach Berlin, Sebastian
Lieber S.,
danke für den Hinweis auf das Menschenbild – das ist tatsächlich der Kern der Sache. Solltest du es nicht wissen - Sirkka hat in ihrem Buch „Armut hat System“ genau das auf den Punkt gebracht: Armut ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Und genau das prägt auch meine und unsere Haltung bei Volt.
Wir gehen von einem Menschenbild aus, das Würde nicht an Leistung knüpft. Wer in Not gerät, verdient Unterstützung – nicht Misstrauen. Folgenden Hintergrund kann ich dir mitliefern: Bei rund 5,5 Millionen Bürgergeld-Empfängern in Deutschland wurden 2025 etwa 110.000 Fälle von Leistungsmissbrauch festgestellt. Das klingt erstmal viel, aber rechnet man das hoch, sind das gerade mal 3 Prozent aller Bezieher. Beim besonders schweren bandenmäßigen Missbrauch sind es sogar nur 406 Fälle – also 0,01 Prozent.
Quellen:
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/55-millionen-buergergeldbezieher-421-faelle-von-bandenmaessigem-missbrauch-beim-buergergeld/100144589.html
https://correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2025/09/30/das-buergergeld-die-hartnaeckigsten-behauptungen-im-faktencheck/
Anders ausgedrückt: 97 von 100 Menschen beziehen Bürgergeld zu Recht. Und selbst bei den 3 Prozent handelt es sich oft um formale Verstöße wie nicht gemeldete Nebeneinkünfte, nicht um systematischen Betrug. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit und des Zolls bestätigen das. Wenn wir also ein ganzes System auf den Kopf stellen, nur um diese geringe Quote zu adressieren, dann bestrafen wir am Ende die vielen ehrlichen Menschen für die Fehler weniger.
Unser Ansatz ist daher klar: Bedingungslose Grundsicherung statt Kontrolle und Sanktionen. Nicht, weil wir Missbrauch ignorieren wollen, sondern weil wir wissen, dass Würde und Vertrauen die bessere Grundlage für eine solidarische Gesellschaft sind. Genau das steht auch in unserem Grundsatzprogramm – Abschnitt II.1 „Leben in Würde mit guter Sozialpolitik“.
Für mich ist daher Armut kein Charakterfehler, sondern ein Systemfehler. Und Systemfehler löst man nicht mit noch mehr Bürokratie, sondern mit einem System, das Menschen wirklich auffängt.
Was meinst du? Kannst du mitgehen?
Beste Grüße,
Ole
