Stimmen Sie der automatischen Kopplung des Rentenalters zu? Ja oder nein?
Ich bitte um Verständnis, dass ich Ihre Frage nicht mit einem schlichten Ja oder Nein beantworte, sondern Ihnen erklären möchte, warum eine so verkürzte Antwort der Sache nicht gerecht würde.
Die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung ist einer von insgesamt 33 Vorschlägen, die die Rentenkommission Ende Juni vorgelegt hat. Die Kommission selbst betont ausdrücklich, dass diese Empfehlungen kein Angebot zur Auswahl sind, sondern ein zusammenhängendes Ganzes: Zur Kopplung gehören untrennbar neue Härtefallregelungen für Menschen mit belastenden Arbeitsbiografien und gesundheitlichen Einschränkungen, eine ergänzende Kapitalsäule zur Stabilisierung des Rentenniveaus und weitere Maßnahmen, die einander bedingen. Wer einen einzelnen Punkt herausgreift und isoliert bewertet, wird dem Gesamtkonzept nicht gerecht, im Guten wie im Kritischen.
Zur Sache selbst möchte ich zunächst einordnen, worüber wir tatsächlich sprechen. Die vorgeschlagene Anhebung würde erst ab 2032 schrittweise beginnen und dann sehr moderat verlaufen: ein halbes Jahr pro Jahrzehnt. Das bedeutet rechnerisch eine Regelaltersgrenze von 67,5 Jahren im Jahr 2041 und 68 Jahren im Jahr 2051. Die vielzitierte „Rente mit 70” läge nach den Berechnungen der Kommission erst in den 2090er-Jahren, also viele Jahrzehnte entfernt und auch nur dann, wenn die Lebenserwartung weiterhin deutlich steigt. Die Schlagzeilen, die derzeit kursieren, verkürzen hier oft stark.
Warum halte ich den Grundgedanken für ernsthaft diskussionswürdig? Unser Rentensystem beruht auf einem Generationenvertrag: Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Rentnerinnen und Rentner, die zugleich erfreulicherweise immer länger leben. Wenn wir das Rentenniveau stabil halten und die Beiträge für die arbeitende Generation bezahlbar lassen wollen, muss die gewonnene Lebenszeit fair zwischen Erwerbsphase und Ruhestand aufgeteilt werden. Eine regelgebundene, langsame Anpassung schafft dabei mehr Planungssicherheit als immer neue politische Grundsatzdebatten alle paar Jahre. Zugleich sage ich klar: Entscheidend wird für mich sein, wie die Ausnahmen für diejenigen ausgestaltet werden, die nach einem langen Arbeitsleben in körperlich fordernden Berufen schlicht nicht länger arbeiten können. Der Dachdecker und die Pflegekraft dürfen nicht die Rechnung dafür zahlen, dass wir alle statistisch älter werden.
Ein Gesetzentwurf liegt noch nicht vor; die Bundesregierung hat angekündigt, die Empfehlungen bis Ende des Jahres in ein Reformpaket zu überführen. Ich werde die konkrete Ausgestaltung sehr genau prüfen und mich dafür einsetzen, dass die Reform generationengerecht ist: verlässlich für die Älteren, bezahlbar für die Jüngeren und fair für alle, die hart gearbeitet haben. Ich bin optimistisch, dass wir uns als Koalition hinter diesem wichtigen Anliegen vereinen können.
