Welche Motivation bleibt jungen Menschen in diesem Land?
Frau Reichinnek,
ich schreibe Ihnen als Student der durch den Umgang der Politik mit den jungen Menschen dieses Landes in den letzten Monaten so politikverdrossen und demotiviert wurde, wie in meinem bisherigen 24-Jahre langem Leben noch nie zuvor.
Mir scheint es, als würde unser Land in gesellschaftlichen Fragestellungen vor allem einen Blick auf die älteren Mitbürger werfen. Dies soll kein Neidausdruck gegenüber den Älteren sein, so soll schließlich eine jede Wählergruppe beachtet werden, sondern vielmehr ein Gefühlsausdruck des vernachlässigt worden seins einer ganzen Generation.
Ich unterhalte mich oft mit Mitstudierenden und muss inzwischen nicht selten Schicksale miterleben, wo ein Studium aus finanziellen Gründen abgebrochen wird. Einige emigrieren sogar. Die Zukunft sieht, aufgrund des Klimas, bröckelnder Systeme wie dem Gesundheits- und Rentensystem, der Weltpolitik sowie der gesellschaftlichen Polarisierung, für meine Generation düster aus.
Welche Motivation bleibt uns?
Sehr geehrter M. L.,
vielen Dank, dass Sie Ihre persönlichen Erfahrungen so offen geschildert haben.
In der Politik schauen viele Parteien stark auf ältere Wählergruppen, unserer Meinung nach u.a. deshalb, weil sie die größte Wähler:innengruppe darstellen. Gleichzeitig hat gerade Ihre Generation in den letzten Jahren sehr viel zurückstecken müssen, etwa während der Corona-Pandemie aus Rücksicht auf ältere Generationen. Auch aktuelle Debatten wie eine quasi-Wiedereinführung der Wehrpflicht würden wieder vor allem junge Menschen in die Pflicht nehmen. Das lehnen wir als Linke klar ab. Aus unserer Sicht hat diese Generation bereits viel gegeben und oft zu wenig zurückbekommen.
Dabei wären viele Verbesserungen politisch durchaus möglich: ein guter und bezahlbarer ÖPNV, um Ausbildung oder Arbeit zu erreichen, eine Ausbildungsvergütung, von der man leben kann, oder ein elternunabhängiges BAföG. Stattdessen erleben viele junge Menschen, dass Infrastruktur und Angebote für sie abgebaut werden, während der Druck durch hohe Mieten, gestiegen Lebenshaltungskosten und oft nicht-ausreichende Einstiegs-/Ausbildungsgehälter immer weiter steigt.
Ich habe selbst lange in der Jugendhilfe gearbeitet und weiß, wie wichtig es ist, jungen Menschen nicht nur zuzuhören, sondern ihre Interessen auch politisch durchzusetzen. Genau deshalb setzen wir als Linke im Parlament immer wieder einen Fokus auf die Belange junger Menschen und versuchen, trotz allem Hoffnung zu organisieren und echte Verbesserungen durchzusetzen.
Und etwas, das ich immer wieder sage: Organisiert euch! Ob in Initiativen, Gewerkschaften, Hochschulgruppen oder Parteien – gemeinsam politisch aktiv zu werden ist oft das wirksamste Mittel gegen das Gefühl politischer Lähmung.
Viele Grüße
Heidi Reichinnek
