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Was bedeutet Ihnen der heutige Gedenktag, der 27. Januar, und wie würdigen Sie diesen heute?

Johann Martel
Johann Martel
AfD
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Frage von Olaf M. •

Was bedeutet Ihnen der heutige Gedenktag, der 27. Januar, und wie würdigen Sie diesen heute?

Sehr geehrter Herr Martel,

heute, am 27. Januar, dem internationalen Gedenktag an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, gedenken wir der über eine Million Menschen, die dort von Deutschen und ihren Kollaborateuren ermordet wurden – Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, politische Gefangene, Widerstandskämpfer, kranke und behinderte Menschen sowie Millionen verschleppte Slawen und Zwangsarbeiter.

Vor diesem historischen Hintergrund möchte ich Sie fragen:

Wie gehen Sie als Repräsentantinnen und Repräsentanten einer Partei, deren Rhetorik und Geschichtsverständnis immer wieder in der Nähe von Relativierungen der Nazi-Verbrechen zu verorten ist, mit der Verantwortung um, an diesen Tag würdevoll und glaubwürdig zu erinnern?

Halten Sie es angesichts der von Ihrer Partei angeführten „Schuldkult“ und „erinnerungspolitische Wende“ ein ehrliches Gedenken an die Opfer des Holocaust für möglich? Wie halten Sie es persönlich?

Johann Martel
Antwort von AfD

Sehr geehrter Herr M.,

die mit der Frage angedeuteten Unterstellungen weise ich zurück.

Menschen wollen Vorbilder. Quasi alle Staaten setzen daher positive Errungenschaften in den Vordergrund ihrer Bildungsarbeit und nicht ihre Verbrechen. Darum geht es bei der erinnerungspolitischen Wende: mehr Befassung (auch im Unterricht) mit den vielen positiven Leistungen und Leistungserbringern aus Deutschland - aus der Vergangenheit und Gegenwart. Nur so gibt es positive Vorbilder, auch für die Jugend - sinngemäß "du kannst der beste Sportler werden, der beste Komponist, der beste Forscher", usw. Sich in der politischen Bildungsarbeit mehr auf Vorbilder zu fokussieren als auf Verbrechen bedeutet aber nicht, dass wir die grausamen Abschnitte der deutschen Geschichte verstecken wollen.

Ich persönlich habe auch schon, bevor ich Abgeordneter wurde, an Gedenkveranstaltungen am 27. Januar in meiner Heimat teilgenommen (heute bin ich aufgrund der Plenarwoche in Berlin und kann daher in meiner Heimat nicht dabei sein). Ich würde daher auch niemanden von der Teilnahme an oder Durchführung einer Veranstaltung an Gedenktagen abhalten. Ich verurteile aber auch niemanden, der sagt, dass das lange her ist und er damit so wenig zu tun hat wie mit anderen Menschheitsverbrechen und daher keine solchen Veranstaltungen besucht.

Ein Gedenktag ist daher völlig in Ordnung, ebenso wie eine Behandlung im Unterricht. Es sollten daraus aber keine "Wohlfühlparolen" werden, die ein kritisches Bewusstsein nur vortäuschen, wie es Henryk M. Broder heute beschrieben hat. Er erklärt:

Was taugt ein Gedenktag zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus, vor allem der sechs Millionen ermordeter Juden, wenn die politischen Verantwortungsträger nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, den importierten Antisemitismus als das anzuerkennen, was er ist: die größte Bedrohung für das Leben der Juden in Deutschland. Jüdische Schulen, Kindergärten, Altenheime und Gotteshäuser sind zu Festungen umgebaut worden, sie zu betreten kommt einer Mutprobe nahe.

Wo also bleiben hier die Taten als Konsequenz aus dem Erinnern?

Ich selbst wurde als Kind mit meiner Familie mit Gewalt aus Kirgisien vertrieben - und das auch nicht unter "menschenwürdigen" Bedingungen. Das war grausam und viele Deutschstämmige starben bei diesen Vertreibungen auch, wobei man uns eine "Kollektivschuld" unterstellte. Ein Gedenktag bringt uns trotzdem nicht weiter. Wichtiger und ehrlicher ist es daher, zu handeln, wenn es heute wirklich um Menschenleben und Gewalt geht.

Das bekannte "Nie wieder" muss sich darauf beziehen, dass wir nicht mehr tatenlos zusehen, wenn systematisch Menschen ermordet werden. Genau das hat z. B. der Diktator Maduro in Venezuela aber mit der Opposition gemacht (Beispiele: 1|2|3). Doch wenn Trump ganz im Sinne von "Nie wieder" dann einschreitet, um ihn zu stoppen, dann wird er dafür weltweit verurteilt? Das ist für mich unverständlich. Wohlgemerkt hat er ihn verhaften lassen und keine Selbstjustiz geübt.

Welche Handlungen sollen wir denn aus "nie wieder" ableiten, damit es eben nicht mehr nur um "Wohlfühlparolen" geht? Was ist ein "ehrliches Gedenken"? Die Opposition zu bekämpfen und auszuschließen mit demokratisch immer fragwürdigeren Mitteln, wie man es in Deutschland macht, kann sicher nicht die Konsequenz aus "nie wieder" sein. Nein, wichtig ist, dass Erinnern auch für die Zukunft wirkt, dass wir zunehmenden Antisemitismus unterbinden und dass wir nicht nur teilnahmslos zusehen, wenn wir Menschenleben retten könnten.

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