Wie stellen Sie sich die künftige Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis vor? Stichworte: Privatisierung der Kliniken, Wartezeiten auf Facharzttermine, v.a. im Bereich Kinderärzte und Psychiarie.
Guten Tag, Martin Hahn,
das Klinikum in FN war in der Vergangenheit ein zentraler Ort für die Gesundheitsversorgung in der Region und wurde stets gut bewertet. Gute Versorgung kann aber kaum wirtschaftlich sein. Wie soll das nach dem Verkauf an Oberschwaben weitergehen? Welche Stationen bleiben erhalten? Was ist v.a. mit der Entbindungsstation?
Wie sieht es mit der Versorgung durch Hebammen aus?
Wie wollen Sie die Wartezeiten auf Facharzttermine verkürzen? Theoretisch müssen die GKVs Termine innerhalb 4 Wochen anbieten - bei der dafür eingerichteten Telefonzentrale werden einem dann aber Ärzte in Villingen-Schwenningen, Freiburg, Tübigen oder Mannheim genannt. Gerade angesichts einer alternden Bevölkerung sind wohnortnahe und mit dem ÖPNV erreichbare Fachärzte wichtig.
Zentral ist auch eine bessere Voersorgung v.a. der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Corona mit psychotherapeutischen Angeboten. Die Wartezeiten liegen häufig bei 1-1,5 Jahren. Wie sollen Sie das ändern?
Sehr geehrte Frau S.,
vielen Dank für Ihre ausführlichen Fragen zur Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis. Die angesprochenen Punkte beschäftigen viele Menschen in unserer Region, und sie beschäftigen auch mich sehr.
Für mich steht bei der Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis eines im Mittelpunkt: Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass sie gut, wohnortnah und verlässlich versorgt werden. Gesundheit ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und darf nicht allein nach kurzfristigen wirtschaftlichen Kriterien organisiert werden.
Die Frage der künftigen Klinikstruktur des Klinikums in Friedrichshafen befindet sich weiterhin in einem offenen Markterkundungsverfahren. Ich denke, es ist wichtig offen zu bleiben für die beste Lösung. Entscheidend ist, dass die Versorgung der Patientinnen und Patienten gesichert bleibt, medizinische Qualität erhalten wird und zentrale Angebote – insbesondere die Geburtshilfe – dauerhaft bestehen. Gleichzeitig müssen Lösungen aber auch finanziell tragfähig sein. Landesweit schreiben rund 80 % der Krankenhäuser rote Zahlen. Angesichts der erheblichen Defizite kann es nicht darum gehen, bestehende Strukturen unverändert fortzuschreiben. Kliniken müssen gezielt weiterentwickelt und zukunftsfähig aufgestellt werden.
Die Geburtshilfe und Hebammenversorgung im Kreis ist wichtig, denn Familien brauchen Verlässlichkeit. Neben der Sicherung der Entbindungsstationen müssen wir die Hebammenversorgung insgesamt stärken. Wir haben in den letzten Jahren die Ausbildung von Hebammen und Pflegekräften deutlich gestärkt. Das war ein wichtiger Schritt. Doch bisher hat sich das noch nicht in spürbar besseren Arbeitsbedingungen gezeigt.
Der Erhalt der Entbindungsstation in Friedrichshafen ist gesichert. In Überlingen gäbe es grundsätzlich ebenfalls die Möglichkeit, die Geburtshilfe wiederzueröffnen, doch bislang gibt es dafür von der Klinik kein klares Signal. Diese Entscheidung liegt nicht beim Land, sondern beim jeweiligen Klinikträger. Man muss dabei auch offen sagen: Die Anforderungen an Geburtshilfe sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Was Kliniken vorhalten müssen, ist medizinisch richtig, aber sehr aufwendig und teuer. Genau deshalb braucht es tragfähige Strukturen, damit Geburtshilfe dauerhaft und sicher angeboten werden kann.
Wie Sie beschreiben, sind auch hier im Bodenseekreis die langen Wartezeiten und lange Wege zu Fachärzten ein Problem. Gerade für ältere Menschen ist das nicht praktikabel. Deshalb setze ich mich dafür ein, die Niederlassung von Ärztinnen und Ärzten vor Ort attraktiver zu machen, offene Praxen schneller nachzubesetzen und regionale Versorgungsmodelle zu stärken. Nur so verkürzen sich Wege und Wartezeiten spürbar.
Besonders dringlich ist die psychische Versorgung junger Menschen. Neben zusätzlichen Therapieplätzen braucht es vor allem niedrigschwellige Angebote, bessere Prävention und eine engere Zusammenarbeit von Schulen, Jugendhilfe und Gesundheitswesen, damit Hilfe früher ankommt. Ein großes Problem ist die stark begrenzte Zahl an Kassensitzen für Psychotherapeutinnen und -therapeuten. Auch wenn die Zuständigkeit hier nicht allein auf Landesebene liegt, setze ich mich ausdrücklich auch auf Bundesebene dafür ein, dass mehr Therapieplätze geschaffen werden.
Gleichzeitig stellt der demografische Wandel die Pflege vor große Herausforderungen. Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen im Bodenseekreis bis 2030 um rund 20 Prozent steigt. Deshalb müssen ambulante Dienste, Tagespflege sowie Kurzzeit- und stationäre Angebote ausgebaut werden. Als Landtagsabgeordneter möchte ich mich weiter dafür einsetzen, hier die Rahmenbedingungen mitzugestalten, damit ambulante Dienste, Tagespflege und wohnortnahe Angebote ausgebaut werden – insbesondere im ländlichen Raum.
Mein Ziel ist es, im Land die politischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis langfristig stabil, erreichbar und bezahlbar bleibt.
Mit freundlichen Grüßen
Martin Hahn
