Frage an Oskar Lafontaine bezüglich Finanzen

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Frage an Oskar Lafontaine von Carsten H. bezüglich Finanzen

Können Sie sich vorstellen, dass eine Umlaufsicherung nicht nur bei regionalen Komplementärwährungen wirkungsvoll ist, sondern auch bei den "Haupt"währungen?

Frage von Carsten H. am
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Sehr geehrter Herr Heine,

Ihre Überlegung geht von einem monetären Idealmodell aus, das so praktisch nicht existiert, weil es vollkommen ignoriert, dass sich Schulden und Geldmenge höchst unterschiedlich entwickeln. Schon nach kurzer Lebenszeit einer auf Kredit und Zinseszins aufgebauten Währung erreicht das als "Anspruch auf Geld" gehaltene Geldvermögen einen weit größeren Umfang, als die verfügbare Geldmenge und erzwingt damit, dass immer größere Anteile des als Kredit zur Verfügung gestellten Anteils des Geldvermögens zur Zinszahlung an die Eigentümer der Geldvermögen verwendet werden müssen, so dass das vermeintlich "gute" Geld durch seinen Zinsanspruch genauso zum Tauschmittelmangel führt, wie die Hortung des vermeintlich "schlechten" Geldes.

Weil die Umlaufsicherungsgebühr in der Höhe für jeden Geldbesitzer gleich ist, ist sie eben nur höchst unvollkommen geeignet, um die Allokationsfunktion des Zinses zu übernehmen. Sowohl für die Nutzung von Liquidität für besonders risiko- und/oder chancenreiche Unternehmungen, wie auch für die Bereitstellung von Liquidität für Konsumenten in prekären Einkommens- und Vermögenssituationen wird daher auch nach Einführung der Umlaufsicherung ein Zins gefordert und auch versprochen werden, der ursächlich absolut unabhängig von der Umlaufsicherungsgebühr in Erscheinung tritt, lediglich in seiner Höhe durch die Umlaufsicherungsgebühr beeinflusst werden kann.

Wenn dank Umlaufsicherung Geldmenge, Schulden und Vermögen stets gleich hoch sind, stellt sich die Frage, wie bei Bedarf die Geldmenge ausgeweitet werden kann und wer die damit verbundenen Kosten und Risiken trägt (es gibt ja durchaus auch positives Wachstum, das durch wachsende Liquidität gestützt werden muss). Im Notgeld-Experiment und im Bereich der regionalen Komplementärwährung ist das unkompliziert zu handhaben. Man nimmt einfach die entsprechende Menge der Primärwährung und tauscht sie in Komplementärwährung um. Was aber, wenn das Freigeld die einzige Währung ist? Wer gibt dann Geld zu welchen Konditionen aus? Wer kontrolliert die Geldmenge?

Die Frage, ob Gebühr oder Nominal-Entwertung der bessere Weg sei, die Hortung zu unterbinden, entspringt vermutlich einem Benennungs-Dilemma:

Nimmt man z.B. pro Quartal eine Gebühr von drei Prozent des Nominalwerts, dann muss diese Gebühr, die ja die gesamte umlaufende Geldmenge (nur Bargeld) oder sogar alles Geldvermögen belastet, aus der Geldmenge heraus genommen werden.

Die im Markt verfügbare Geldmenge mindert sich also pro Quartal um drei Prozent, was bedeutet, dass schon nach drei Jahren nur noch knapp 70 Prozent des ursprünglich verfügbaren Geldes umlaufen, nach sechs Jahren nur noch 48 Prozent und nach zehn Jahren nur noch 30 Prozent.

Also muss die Gebühr schleunigst wieder in Umlauf gebracht werden. Unterstellt man, dass irgendeine staatliche Stelle die Gebühr erhebt und das so eingesammelte Geld schnellstmöglich wieder ausgibt, entpuppt sich die angeblich als "Währungseigenschaft" dargestellte Umlaufsicherungsgebühr als nichts anderes, als eine allgemeine Steuer auf Geld und Geldvermögen. Alleine die begriffliche Gleichsetzung der Umlaufsicherungsgebühr mit der Vermögenssteuer würde aber eine völlig andere Diskussion eröffnen, die sehr schnell ihre ursprüngliche, monetäre Zielrichtung verlieren würde.

Als Ausweg aus diesem Dilemma wird die allgemeine Minderung des Nominalwertes von Geld bzw. Geldvermögen angeboten. Wenn die Geldscheine regelmäßig eingezogen und durch Scheine mit niedrigerem Nominalwert ersetzt werden und wenn die Differenz niemandem und nirgends gutgeschrieben wird, dann ist der Verdacht, die Umlaufsicherung sei eine Steuer, vollständig ausgeräumt.

Der Vorhalt, dass durch die allgemeine Minderung des Nominalwertes ebenfalls ein beständiges Schrumpfen der nominal verfügbaren Geldmenge - also Deflation - hervorgerufen wird, geht regelmäßig ins Leere, weil darauf entgegnet werden kann, genau dies sei ein wesentliches Argument dafür, die Umlaufsicherung ausschließlich auf Bargeld und täglich fällige Einlagen anzuwenden, aber kein Argument gegen die Umlaufsicherung als solche.

Was aber wird die Folge sein?

Wer Banknoten und Münzen mit einer Umlaufsicherung belastet, muss unumgänglich auch das Giralgeld auf den Kontokorrenten und Gehaltskonten belasten. Sonst wird als erste Konsequenz die sofortige und vollständige Umstellung der gesamten Wirtschaft auf bargeldlosen Zahlungsverkehr erfolgen.

Doch welches Verhalten der Wirtschaftstteilnehmer ist realistischerweise zu erwarten, wenn alles Bargeld, also Münzen, Scheine und das Giralgeld, regelmäßig mit einer Gebühr auf den gehaltenen Bestand belastet wird?

Weil sich mit der Umstellung der Währungsfunktionalitäten zwar die Bedingungen, nicht aber die Motive und Antriebskräfte der Marktteilnehmer ändern, wird es sehr schnell zu Verhaltensänderungen kommen.

Anfänglich wird zu beobachten sein, dass - jeweils kurze Zeit vor dem Fälligkeitstermin der Gebühr - soweit das bei den einzelnen Marktteilnehmern vorhandene Tauschmittel dafür reicht möglichst alle offenen Rechnungen bezahlt werden, notwendige Anschaffungen vorgezogen werden, und zwar sowohl für den Konsum als auch für investive Zwecke, sofern irgend möglich und machbar, die zuletzt noch eingenommenen Bargeldbestände und Kontokorrentguthaben in gebührenfreie Spar-Guthaben umgewandelt werden.

Alles Effekte, die durchaus den Erwartungen an eine Umlaufsicherung entsprechen. Rechnungen werden zügig bezahlt, konsumptive und investive Ausgaben werden auf den frühest möglichen Zeitpunkt vorgezogen, das Geld läuft um und Geldbesitzer, die ihr Tauschmittel beim besten Willen nicht mehr rechtzeitig ausgeben können, tragen es zur Geldsammelstelle, die daraus einerseits einen terminierten Anspruch auf Geld für den Anleger und andererseits einen Kredit für den Tauschmittelnachfrager kreiert, also ein Schulden-Guthaben-Paar in die Welt setzt, dass sich bei Tilgung wieder auflösen soll.

Vergessen wird dabei, dass sich immer nur ein Teil der Marktteilnehmer vor der Umlaufsicherungsgebühr in Sicherheit bringen kann.

Das Geld, das Frl. Müller für die vorsorglich gekauften und eingelagerten Papierrollen ausgegeben hat, liegt an Ultimo - wie der sprichwörtliche Schwarze Peter - in der Kasse des Supermarktes, geht am Abend in den Nachttresor der Bank und am nächsten Morgen fehlen drei Prozent, weil der Bankcomputer pünktlich um Mitternacht die Gebühren abgezogen hat, die zum Stichtag auf alle Geldbestände fällig sind.

Die Kreditlinien werden entsprechend ausgeweitet. Die Gebührenforderung der Umlaufsicherung trifft ins Leere, denn niemand hat mehr Liquidität. Das Bargeld (Münzen und Scheine) kommt schleunigst aus den Verstecken und wird an den Kassen der Banken einbezahlt, die es wiederum zügig an die Zentralbank zurückgeben.

Innerhalb kürzester Zeit verschwinden Bargeld und Sichtguthaben vollständig aus der Welt. Alle Zahlungen erfolgen aus eingeräumten Kreditlinien von Girokonten, alle zwischenzeitlich eventuell entstehenden, schädlichen Guthaben werden vollautomatisch in langfristige Anlagen, also "gutes", nicht gebührenbelastetes Geld umgewandelt.

Die Umlaufsicherungsgebühr läuft vollständig ins Leere. Alles Geld ist zu gehortetem Geld geworden und kommt nur gegen Zins und Zinseszins jeweils für einen kurzen Augenblick wieder zum Vorschein. Gewinner sind ausschließlich die Banken, deren zusätzliche Gebühren und Zinsen die Wirtschaft belasten.

Mit freundlichen Grüßen
im Auftrag

Klaus Priester
Mitarbeiter