Wie denken Sie über die Schließung der russischen Botschaft in Bonn und des Russischen Hauses in Berlin? Geht so Frieden? Sollten die Gespräche mit Russland nicht besser ausgebaut werden?
Wie denken Sie darüber? Wie wichtig ist diplomatisches Handeln in dieser Zeit? Könnten die Schließungen zurückgenommen werden? Was müsste dafür passieren?Wie können wir zu einer neuen Entspannungspolitik kommen?
Lieber Herr G.,
vielen Dank für diese wichtige und hochaktuelle Frage.
Die Schließung russischer Vertretungen und die Einschränkung kultureller Institutionen wie dem Russischen Haus sehe ich mit großer Sorge. Gerade in Zeiten tiefster geopolitischer Krisen ist das Abbrechen diplomatischer und kultureller Brücken ein gefährliches Signal. Dauerhafter Friede lässt sich nicht durch Isolation erzielen, sondern erfordert das Aufrechterhalten von Gesprächskanälen – ganz gleich, wie verfahren die Lage erscheint. Wenn wir die Kanäle für Dialog, Zivilgesellschaft und Konsulardienste schließen, nehmen wir uns selbst die Werkzeuge, die für eine spätere Deeskalation zwingend nötig sind.
Eine Rücknahme dieser Maßnahmen ist keineswegs unmöglich, erfordert aber konkrete Voraussetzungen auf beiden Seiten. Diplomatisch müsste eine klare Parität beim Personal wiederhergestellt und Transparenz geschaffen werden. Vor allem aber braucht es einen ernsthaften politischen Willen zur Deeskalation: Einen Waffenstillstand in der Ukraine, die Rückkehr zu völkerrechtlichen Prinzipien und die Bereitschaft, Sicherheitsinteressen wieder an einem gemeinsamen Verhandlungstisch zu adressieren.
Um zu einer neuen Entspannungspolitik zu gelangen, müssen wir aus der Geschichte lernen. Die historische Ostpolitik hat gezeigt, dass Sicherheit nicht dauerhaft gegen, sondern langfristig nur mit den Nachbarn organisiert werden kann. Das bedeutet nicht, Konflikte zu ignorieren, sondern Risiken pragmatisch zu minimieren. Wir brauchen den Erhalt direkter Kommunikationskanäle zwischen den Militärs zur Vermeidung unkontrollierter Eskalationen, die Reaktivierung multilateraler Foren wie der OSZE und vor allem Raum für den zivilgesellschaftlichen Austausch.
Die Bürgerinnen und Bürger können und müssen hierbei ein deutliches Zeichen setzen. Eine Politik, die primär auf militärische Aufrüstung und Maximalpositionen setzt, greift zu kurz und riskiert unser aller Zukunft. Es liegt an der Zivilgesellschaft, den Druck auf die Politik zu erhöhen und einzufordern, dass Diplomatie und Verhandlungen wieder an erster Stelle stehen. Die Aufgabe verantwortungsvoller Politik muss es sein, Deeskalation zu wagen – ganz im Sinne von Helmut Schmidt: „Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen.“
Beste Grüße
Faruk Čeliković
