Befürworten sie die Kopplung des Renteneintritts an die Lebenserwartung?

Portrait Lisa Kern
Lisa Kern
BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN
100 %
4 / 4 Fragen beantwortet
Zum Profil
Frage von Branka K. •

Befürworten sie die Kopplung des Renteneintritts an die Lebenserwartung?

Portrait Lisa Kern
Antwort von BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Sehr geehrte Frau K., 

ich halte es grundsätzlich für notwendig, das Renteneintrittsalter in gewissen Abständen an die steigende Lebenserwartung anzupassen. Der demografische Wandel stellt unser Rentensystem vor erhebliche Herausforderungen. Schon heute müssen immer weniger Erwerbstätige die Renten einer wachsenden Zahl älterer Menschen finanzieren. Diese Entwicklung dürfen wir nicht einseitig den jüngeren Generationen aufbürden. Denn die jüngere Generation muss nicht nur die Renten der heutigen Rentner*innen finanzieren, sondern zugleich ausreichend Spielraum behalten, um für ihr eigenes Alter vorzusorgen.

Wie stark sich unser Rentensystem verändert hat, zeigt die durchschnittliche Rentenbezugsdauer. Sie ist seit 1990 um rund 5 Jahre gestiegen. Das ist zunächst eine erfreuliche Entwicklung. Zugleich müssen wir aber berücksichtigen, dass sich damit auch die Finanzierung unseres Rentensystems verändert.

Allerdings bedeutet eine höhere Lebenserwartung nicht automatisch, dass Menschen entsprechend länger gesund und arbeitsfähig bleiben. Viele Menschen arbeiten jahrzehntelang in körperlich oder psychisch belastenden Berufen, beispielsweise in der Pflege oder im Handwerk. Für sie brauchen wir Lösungen, die einen würdevollen und finanziell abgesicherten Renteneintritt ermöglichen, bevor ihre Gesundheit dauerhaft geschädigt ist.

Deshalb begrüße ich den Vorschlag der Grünen Bundestagsfraktion für eine sogenannte Überlastungsschutzrente. Sie soll Menschen absichern, die aus gesundheitlichen Gründen ihren bisherigen Beruf nicht mehr ausüben können, aber keinen Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente haben. Damit würde eine wichtige Lücke geschlossen, die heute viele Beschäftigte in belastenden Berufen trifft. Zugleich sollen Prävention und Rehabilitation gestärkt werden, damit möglichst viele Menschen länger gesund arbeiten können.

Wir müssen zwischen Menschen unterscheiden, die gesundheitlich nicht länger arbeiten können, und Menschen, die sich bewusst für einen früheren Ruhestand entscheiden, obwohl sie weiterhin arbeitsfähig wären. Diese Entscheidung ist selbstverständlich legitim. Sie sollte aber nicht in gleicher Weise von der Solidargemeinschaft finanziert werden wie ein gesundheitlich notwendiger früherer Renteneintritt.

Für mich gehören deshalb Generationengerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit untrennbar zusammen. Wir müssen von Menschen, die gesundheitlich dazu in der Lage sind, auch eine längere Lebensarbeitszeit erwarten können. Gleichzeitig müssen diejenigen, die nach vielen Arbeitsjahren nicht mehr können, besser geschützt werden. Nur wenn wir beides zusammen denken, bleibt unser Rentensystem auch für kommende Generationen gerecht und finanzierbar.

Mit freundlichen Grüßen, 

Ihre Lisa Kern

Was möchten Sie wissen von:
Portrait Lisa Kern
Lisa Kern
BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Weitere Fragen an Lisa Kern