Sehr geehrter Frau Scheer, wie kann sein das deutsche, private Rettungsschiffe von italienischen Behörden an Seenotrettungsaktionen gehindert werden. Und so gut wie nichts davon in der Presse?
Hier ein Auszug aus dem Sea-Watch Newsletter vom 09.04.2026 :
nach dem Osterwochenende gelten infolge eines Schiffbruchs im zentralen Mittelmeer mehr als 70 Menschen als vermisst. Zuvor waren innerhalb weniger Tage mindestens 104 Menschen auf ihrer Flucht über das Meer gestorben. Die italienische Küstenwache hat am 1. April 19 Leichen geborgen.
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Bereits Mitte März wurde für die Sea-Watch 5 nach der Rettung von 93 Menschen in Seenot eine 20-tägige Festsetzung und eine Geldstrafe von 10.000 Euro verhängt. Nun haben die italienischen Behörden auch unser zweites Rettungsschiff Aurora festgesetzt, nachdem die Crew am Freitag (3. April) 44 gestrandete Personen von der verlassenen Ölplattform Didon in internationalen Gewässern im Mittelmeer gerettet hat.
Warum Du von all dem vermutlich wenig bis gar nichts in den Medien gelesen hast, während sich ganz Deutschland um einen gestrandeten Wal sorgt (dessen Schicksal mich ohne Frage auch berührt, aber Du verstehst sicher, worauf ich hinauswill
Sehr geehrter Herr L.,
vielen Danke für Ihre Zuschrift. Die von Ihnen aufgeworfene Frage stellte sich mir selbst und auch vielen Kolleginnen und Kollegen im Deutschen Bundestag: Wie kann es sein, dass uns ein gestrandeter Wal der Medienlage nach zu urteilen emotional mehr erfasst als sterbende Menschen im Mittelmeer.
Was die Bevölkerung bewegt und was nicht, ist in Relation zu einer objektiven Bedeutung der Themen nicht immer rational erklärbar. Vor 20 Jahren war es der Eisbär Knut, der die Menschen weltweit bewegte. Gleichzeitig litten Millionen Menschen in Afrika unter Hunger.
Was die Themensetzung betrifft: Letztlich kann nur jeder und jede Einzelne bei sich ansetzen und für Aufmerksamkeit zugunsten solcher Themen werben, die unsere Aufmerksamkeit aus unserem Werte- und gesellschaftlichen Verantwortungsgefüge heraus bedürfen. Und auch der Verweis auf die Menschen im Mittelmeer lässt wiederum die andernorts bedrohten und sterbenden Menschen, etwa in Nahost oder dem Sudan, zurück. Und etwa auch, dass in Deutschland mehrere Frauen pro Woche Femizid-Opfer werden. Man hätte also auch sagen können: Warum kümmert uns der Wal, während in Deutschland Frauen durch häusliche oder andere Gewalt zu Tode kommen. Die Themensetzung wird nie den umfassenden Handlungsbedarfen gerecht. Dafür gibt es zu viele gleichzeitige drängende Handlungsbedarfe, die in unserer allgemeinen öffentlichen Aufmerksamkeit nicht ausreichend gleichzeitig Platz finden.
Möglicherweise sind solche sich verselbständigenden Themensetzungen wie damals bei Knut und nun beim Wal auch eine Art Platzhalter für menschliche Empathie „vor der Haustür“, angesichts der Tatsache und Ohnmacht, mit unserer Empathie andernorts keine Wirkungen zu erzielen, wie etwa zur Beendigung der Kriege oder auch dem Sterben im Mittelmeer.
Konkret zu unserer Verantwortung im Kontext der Seenotrettung:
Die Zuständigkeit für konkrete Maßnahmen auf See liegt bei den jeweiligen Küstenstaaten, etwa Italien oder Malta. Gleichwohl müssen sich alle Mitgliedstaaten an geltendes internationales Seerecht halten. Dieses verpflichtet dazu, Menschen in Seenot zu retten und Rettungsmaßnahmen zu koordinieren.
Leider zeigt sich seit Jahren, dass diese Verpflichtungen nicht immer ausreichend erfüllt werden. Gleichzeitig geraten zivile Rettungsorganisationen zunehmend unter Druck. Aus meiner Sicht ist das eine besorgniserregende und inakzeptable Entwicklung.
Daher unterzeichnete ich gemeinsam mit 128 Bundestagsabgeordneten aus den Fraktionen von SPD, Grünen und Linken den sogenannten „Osterappell“. Darin fordern wir die Bundesregierung auf, sich für ein staatlich finanziertes europäisches Seenotrettungsprogramm einzusetzen. Hintergrund ist, dass das Mittelmeer inzwischen eine der tödlichsten Fluchtrouten weltweit ist.
Allein im Januar und Februar 2026 wurden laut Internationaler Organisation für Migration 660 Todes- und Vermisstenfälle dokumentiert – die höchste Zahl seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2014. In dem Appell wird auch deutlich benannt, dass einige Küstenstaaten ihrer Verantwortung zur Koordinierung von Seenotfällen nicht ausreichend nachkommen und zivile Rettungsschiffe teilweise systematisch behindert werden. Das ist mit den humanitären Grundsätzen der Europäischen Union aus meiner Sicht nicht vereinbar.
Langfristig kann es nicht Aufgabe zivilgesellschaftlicher Organisationen allein sein, Menschenleben im Mittelmeer zu retten. Hier braucht es eine verlässliche, staatlich organisierte europäische Lösung, die sowohl humanitären Verpflichtungen gerecht wird als auch klare Zuständigkeiten schafft.
Umso bedeutender ist es, dass wir die Debatte weiterhin führen und politische Lösungen voranbringen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Nina Scheer
