Label
Was kann gegen die geplante Honorarkürzung und drohende Budgetierung der Psychotherapie getan werden?

Portrait von Tarek Al-Wazir
Tarek Al-Wazir
BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN
94 %
16 / 17 Fragen beantwortet
Zum Profil
Frage von Ulrike R. •

Was kann gegen die geplante Honorarkürzung und drohende Budgetierung der Psychotherapie getan werden?

Sehr geehrter Herr Al-Wazir, hallo Tarek, Du wirst Dich an mich nicht erinnern, aber vor langer Zeit sind wir Beide als Klassensieger unserer Parallelklassen für den Lesewettbewerb angetreten. Du mit langen schwarzen Haaren, ich mit Zöpfen. Und Du bist richtig weit gekommen!! Heute arbeite ich als Psychotherapeutin, seit 18 Jahren in D.. Und im März haben mich die Honorarkürzung und die weiteren Pläne richtig erschüttert, mich mal wieder auf eine Demo gebracht und mich auch wütend gemacht. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich mache eine anstrengende und wertvolle Arbeit. Ich glaube den Studien der Techniker, dass 1 Euro für Psychotherapie mehr als das doppelte wert ist. Ich erlebe es ja täglich mit meinen PatientInnen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch finanziell anerkannt wird, was in einer Psychotherapiepraxis geleistet wird und das war gerade eigentlich auf einem guten Weg. Falls Du etwas für uns tun kannst, wäre ich Dir sehr dankbar! Herzlich, Ulrike R.

Portrait von Tarek Al-Wazir
Antwort von BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Sehr geehrte Frau R. oder eher hallo Ulrike,

vielen Dank für Dein persönliches Schreiben sowie die Erinnerung an den (Vor-)Lesewettbewerb.

Vor allem danke ich Dir aber für die eindrückliche Schilderung der aktuellen Situation in der psychotherapeutischen Versorgung und für die langjährige Arbeit als Psychotherapeutin.

Ich teile Deine Sorge ausdrücklich: Gesundheitspolitisch ist die Absenkung der psychotherapeutischen Leistungen gerade vor dem Hintergrund der bereits bestehenden Versorgungslücken inakzeptabel.

Nach dem Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses vom 11. März 2026 soll die Vergütung für psychotherapeutische Leistungen ab dem 1. April um 4,5 Prozent sinken. Es ist aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar, dass ausgerechnet Psychotherapeutinnen und -therapeuten künftig weniger für die Behandlung von gesetzlich Versicherten erhalten sollen. Psychotherapeutische Arbeit muss adäquat und verlässlich finanziert werden.

Gerade in einer Situation, in der der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung stetig steigt, Wartezeiten für viele Patientinnen und Patienten jetzt schon unzumutbar lang sind und Praxen zugleich unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehen, sendet eine pauschale Honorarkürzung ein verheerendes Signal. Wenn Praxen wirtschaftlich unter Druck geraten und Fehlanreize zu Ungunsten gesetzlich Versicherter entstehen, gefährdet das die psychotherapeutische Versorgung insgesamt.

Ich halte auch die Sorge vieler Therapeutinnen und Therapeuten vor einer weiteren Budgetierung für sehr nachvollziehbar. Psychische Erkrankungen nehmen zu, gleichzeitig stoßen viele Praxen und Versorgungseinrichtungen bereits heute an ihre Grenzen. In dieser Lage braucht es strukturelle Verbesserungen und verlässliche Rahmenbedingungen – keine zusätzlichen Einschränkungen.

Durch vielfältige gesellschaftliche Krisen erleben wir derzeit einen deutlichen Anstieg psychischer Belastungen, besonders unter Kindern und Jugendlichen. Das Hilfesystem wird der steigenden Nachfrage nach Unterstützungs- und Behandlungsbedarfen zunehmend nicht mehr gerecht und stößt schon heute an seine Kapazitätsgrenzen. Insgesamt sind die Zugänge zum Hilfesystem mit zu vielen Hürden belastet. Es ist nicht hinzunehmen, dass viele Menschen in einer psychischen Krise monatelang auf passende Hilfe warten müssen – mit allen damit verbundenen negativen Folgen.

Eine neue Bedarfsplanung ist daher überfällig. Wir haben als Grüne Bundestagsfraktion hierzu eine schriftliche Frage an die Bundesregierung gerichtet und uns erkundigt, ob sie aus dem Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses Handlungsbedarf ableitet und ob sie plant, die notwendige Reform der Bedarfsplanung in der Psychotherapie voranzubringen. Die Antwort ist aus unserer Sicht unbefriedigend: Die Bundesregierung plant derzeit keine strukturellen Reformen.

Wir bleiben jedoch nicht untätig und haben deshalb den Antrag „Psychotherapeutische Versorgung strukturell stärken“ (Drucksache 21/4954) in den Deutschen Bundestag eingebracht. Darin fordern wir unter anderem eine Reform der psychotherapeutischen Bedarfsplanung, die sich am tatsächlichen Hilfebedarf orientiert. Zusätzlich setzen wir uns dafür ein, die Versorgung von Kindern und Jugendlichen in einer eigenen Bedarfsplanung abzubilden.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Angleichung der Versorgung zwischen städtischen und ländlichen Regionen, um gleichwertige gesundheitliche Lebensverhältnisse zu schaffen. Zudem müssen wir gezielt mehr Angebote für Menschen mit schweren und chronischen psychischen Erkrankungen schaffen und die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung verlässlich absichern.

Für die fachpolitische Begleitung dieses Themas in unserer Fraktion ist meine Kollegin Dr. Kirsten Kappert-Gonther zuständig. Gemeinsam setzen wir uns weiterhin dafür ein, die Rahmenbedingungen in der psychotherapeutischen Versorgung nachhaltig zu verbessern.

Die Grüne Bundestagsfraktion setzt sich weiterhin dafür ein, dass angemessene finanzielle Rahmenbedingungen geschaffen werden. Psychische Gesundheit darf nicht vom Versicherungsstatus abhängen.

Mit besten Grüßen nach Dietzenbach,
Tarek Al-Wazir

Was möchten Sie wissen von:
Portrait von Tarek Al-Wazir
Tarek Al-Wazir
BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Weitere Fragen an Tarek Al-Wazir