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DPG und DMG fordern aufgrund der eskalierenden Klimakrise über Rückzug aus tieferliegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee zu diskutieren. Aus Ihrer Sicht: Ab wann sollten wir darüber diskutieren?

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Frage von Alexander K. •

DPG und DMG fordern aufgrund der eskalierenden Klimakrise über Rückzug aus tieferliegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee zu diskutieren. Aus Ihrer Sicht: Ab wann sollten wir darüber diskutieren?

Sehr geehrte Frau Mertens,zwei der renommiertesten naturwissenschaftlichen Gesellschaften in Deutschland, die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft (DMG), warnen, dass eine globale Erwärmung um 3 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau bereits um 2050 nicht ausgeschlossen werden kann. Beide fordern u.a. "den Rückzug aus tieferliegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee zu diskutieren."
https://www.dpg-physik.de/veroeffentlichungen/publikationen/stellungnahmen-der-dpg/klima-energie/klimaaufrufDie EVP ist in den letzten Monaten aufgefallen, Klimaschutzmaßnahmen einzuschränken (Förderung CO2 erzeugender Autos, Abschwächung Waldschutzgesetz, Verschiebung ETS II) und das sogar z.T. zusammen mit der extremen Rechten.Wie muss die Situation aus Ihrer Sicht sein, ab der wir über einen Rückzug diskutieren müssen?Mit freundlichen Grüßen
Alexander K.

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Antwort von CDU

Sehr geehrter Herr K.,

vielen Dank für Ihre Frage.

Wenn die auf UN-Klimakonferenzen vereinbarten Maßnahmen konsequent umgesetzt werden – etwa der auf der COP28 bekräftigte Kurs zur Abkehr von fossilen Energieträgern – sollte es nicht zu dem von Ihnen beschriebenen Szenario kommen, in dem ein Rückzug aus tieferliegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee notwendig wird.

Gleichzeitig ist Ihre Sorge nachvollziehbar: Je nach weiterer globaler Emissionsentwicklung kann es künftig durchaus Situationen geben, in denen einzelne Regionen weltweit – und perspektivisch auch in Deutschland – deutlich stärker unter den Folgen des Klimawandels leiden. Zugleich ist absehbar, dass die Auswirkungen regional sehr unterschiedlich ausfallen werden. Deshalb müssen solche Debatten auf Grundlage des jeweils aktuellen Stands der Wissenschaft geführt werden – einschließlich der Betrachtung verschiedener Handlungsoptionen und ihrer Kosten.

Ein Rückzug aus tieferliegenden Küstenregionen wäre zudem ein sehr weitreichender Schritt. Er bedeutete nicht nur die strategische Aufgabe von Land, sondern hätte unmittelbare Konsequenzen für das Leben vieler Menschen: etwa durch Umsiedlungen sowie die Verlagerung wichtiger Infrastruktur.

Deshalb haben aus meiner Sicht Schutzmaßnahmen wie Deiche und andere Küstenschutzanlagen grundsätzlich Vorrang, um die Heimat der Menschen zu erhalten. Dabei sollte auch geprüft werden, ob technische Verbesserungen oder eine Erhöhung bestehender Anlagen sinnvoll und notwendig sind.

Zugleich gilt: Wie stark und wie schnell der Meeresspiegel steigt, hängt maßgeblich von den globalen Emissionen ab. Wir haben also weiterhin die Möglichkeit, einen besonders schnellen Anstieg abzumildern – und damit die Chancen zu erhöhen, dass Küstenschutzmaßnahmen langfristig ausreichen.

Ein Rückzug kann allenfalls die letzte Option sein. Er sollte nur nach einer ehrlichen Risikoabwägung in Betracht gezogen werden – und erst, wenn zuvor alle Schutz- und Anpassungsmöglichkeiten geprüft wurden. Gleichzeitig ist es sinnvoll, sich frühzeitig mit langfristigen Szenarien zu befassen und Vorsorge zu treffen, um im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben.

Viele Grüße
Verena Mertens

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