Warum werden bei den Argumenten für Windkraft im Wald immer nur die dauerhaft versiegelten Flächen aufgeführt, obwohl auch der temporär zerstörte Wald weit über 50 Jahre braucht um sich zu erholen?
Ich bin eigentlich grün eingestellt, aber frage mich, warum die grüne Partei diesen massiven Ausbau der Windkraftanlagen vor allem im Wald vorantreibt. Obwohl es oft ausreichend Freiflächen gäbe. Ich bin nicht generell gegen Windkraft, finde aber, dass man abwägen muss, vor allem, weil Windkrafträder in Baden-württemberg lang nicht so effizient betrieben werden können, wie beispielsweise an den Küsten. Ich ärgere mich besonders darüber, dass die Fakten, die für den normalbürger, vielleicht nicht sofort sichtbar sind, immer schön gerechnet werden. Dadurch verliert ihre Partei leider massiv an Glaubwürdigkeit. Mein Beispiel mit den versiegelten Flächen ist ja nur eines. Von Vielen.
Wenn Sie diese Politik fortführen, hängen sie den ländlichen Raum ganz ab. Wir sind sowieso schon benachteiligt, weil wir an Deutschland Ticket mit finanzieren, welches wir nicht nutzen können. Und jetzt sollen wir auch noch die Nachteile der erneuerbaren Energien auf unseren Schultern tragen.
Sehr geehrter Herr O.,
vielen Dank für Ihre offene Rückmeldung und Ihre Fragen. Dauerhaft versiegelt werden bei einer Windenergieanlage im Wesentlichen nur die Fundament- und Zuwegungsfläche. Temporär in Anspruch genommene Flächen – etwa für Baustellen oder Kranstellplätze – müssen nach Bauende wieder aufgeforstet werden. Das ist im Waldgesetz Baden-Württemberg verbindlich geregelt (§ 9 LWaldG BW: Wiederaufforstungspflicht). Die tatsächliche, langfristige Flächeninanspruchnahme ist daher deutlich geringer als häufig angenommen.
Sie fragen, warum viele Anlagen im Wald stehen. In Baden-Württemberg liegen die windhöffigsten Standorte oft auf Höhenrücken – und diese sind hier typischerweise bewaldet. Windräder werden nicht wegen des Waldes, sondern wegen der besseren Windverhältnisse dort errichtet. Moderne Anlagen erreichen bei uns rund 2.200 Volllaststunden im Jahr – das ist vergleichbar mit Standorten in Mecklenburg-Vorpommern und wirtschaftlich tragfähig. Zudem spart Windstrom im Süden teuren Netzausbau aus dem Norden. Auch Stromleitungen – ob Erd- oder Freileitung – sind Eingriffe in Natur und Landschaft. Regionale Erzeugung stabilisiert das gesamte deutsche Stromsystem. Auch eine Windenergieanlage ist ein Eingriff ins Landschaftsbild – genauso wie Straßen, Gewerbegebiete oder neue Wohngebiete. Infrastruktur ist nie folgenlos. Wichtig ist deshalb die faire Verteilung von Lasten und Nutzen. Gemeinden profitieren inzwischen gesetzlich: Betreiber können Kommunen gemäß § 6 EEG mit 0,2 Cent pro eingespeister Kilowattstunde beteiligen. Bei einer typischen Anlage kann das mehrere zehntausend Euro pro Jahr für die Gemeinde bedeuten – für Kitas, Vereine oder Infrastruktur. Die Energiewende gelingt nur, wenn Wertschöpfung, Beteiligung und Transparenz vor Ort stimmen. Und sie ist notwendig – denn auch die Folgen der Klimakrise treffen gerade den Wald und die Landwirtschaft massiv. Das heißt: Nichtstun wäre am Ende der größere Eingriff – in Natur, Wirtschaft und Lebensqualität.
Mit freundlichen Grüßen
Cem Özdemir
