Warum haben wir in Deutschland einen nicht mehr absehbaren Medikamentennotstand?
Sehr geehrter Herr Dr. Pantazis, als Gesundheitspolitischer Sprecher der SPD möchte ich gerne eine Antwort von Ihnen als Arzt und Politiker erhalten. Vor 14 Tagen wurde mir ein Medikament, Antispasmin, verordnet. Dieses Medikament ist nicht beschaffbar, es sind auch keine Aussagen zur Lieferung da. Auf Anfrage beim Landesapothekerverband wurde mir gesagt dass die Beschaffung, die Herstellung und die Lagerbevorratung im Argen wären. Dies hat mir auch mein Hausarzt bestätigt. Nach Aussage der politischen Elite und nach Beendigung der Corona Krise wurde den Bürgern markig vermittelt, dass diese Dinge wieder nach Deutschland, bzw. in die EU zurückgeholt werden müßte. Was aber haben Sie in der Zwischenzeit getan? Mein Eindruck, und der vieler Mitbürger - nichts! Und das schlimme daran ist, dass die Situation schlimmer wird. Wie also rechtfertigen Sie diesen Zustand, vor allem aber, was tun Sie dagegen. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort. Mit freundlichen Grüßen G. C.
Sehr geehrter Herr C.,
vielen Dank für Ihre Nachricht und für Ihre sehr direkte Frage.
Zunächst möchte ich sagen: Ihren Ärger kann ich gut nachvollziehen. Wenn ein verordnetes Medikament wie Antispasmin nicht verfügbar ist und weder Apotheke noch Arzt sagen können, wann wieder geliefert wird, dann ist das für die Betroffenen äußerst belastend. Niemand sollte sich Sorgen machen müssen, ob notwendige Arzneimittel rechtzeitig verfügbar sind.
Sie sprechen ein Problem an, das viele Menschen beschäftigt. Tatsächlich haben die Arzneimittel-Lieferengpässe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Die Ursachen liegen jedoch nicht in einzelnen Entscheidungen der letzten Jahre, sondern in einer Entwicklung, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Ein großer Teil der Wirkstoffproduktion wurde aus Kostengründen nach Asien verlagert. Gleichzeitig wurden Lieferketten immer stärker auf Effizienz und niedrige Preise ausgerichtet. Fällt dann ein Produktionsstandort aus oder kommt es zu Störungen bei Transport und Rohstoffversorgung, entstehen schnell Engpässe. Nach den Erfahrungen der Corona-Pandemie wurden deshalb erste Gegenmaßnahmen eingeleitet. Mit dem Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) wurden unter anderem die Vorgaben für Rabattverträge angepasst, die Bevorratung wichtiger Arzneimittel gestärkt und die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern verringert. Zudem wird auf nationaler und europäischer Ebene daran gearbeitet, die Produktion kritischer Arzneimittel wieder stärker in Europa anzusiedeln und Lieferketten widerstandsfähiger zu machen.
Gleichwohl wäre es nicht ehrlich zu behaupten, dass diese Maßnahmen das Problem bereits gelöst hätten. Die Zahl der Lieferengpässe zeigt, dass wir noch nicht dort sind, wo wir sein müssen. Der Wiederaufbau von Produktionskapazitäten in Europa, der Aufbau zusätzlicher Lagerbestände und die Diversifizierung von Lieferketten benötigen Zeit und erhebliche Investitionen. Aus meiner Sicht gehört die sichere Versorgung mit Arzneimitteln zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Deshalb müssen wir die begonnenen Maßnahmen konsequent weiterführen und dort nachsteuern, wo sie bislang nicht ausreichen. Ziel muss sein, die Abhängigkeit von wenigen Produktionsstandorten weltweit zu reduzieren und die Versorgung der Patientinnen und Patienten dauerhaft verlässlicher zu machen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Christos Pantazis, MdB
