Wie stehen Sie zur Honorarkürzung von 4,3% für Psychotherapeut*innen und wie wollen Sie mit den Folgen dieser Entscheidung für die psychotherapeutische Versorgung umgehen?
Sehr geehrte Frau Düring, ich möchte Sie auf eine aus meiner Sicht sehr problematische Entwicklung in der gesundheitspolitischen Versorgung aufmerksam machen: die geplante Kürzung von 4,5% (!) der Honorare für ambulant tätige Psychotherapeut*innen.
Diese Entscheidung wird nicht nur von zahlreichen Interessenvertretungen der Psychotherapeut*innen kritisiert, sondern auch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung selbst.
Psychotherapie spart nachweislich Kosten: Studien zeigen, dass jeder investierte Euro zwei bis fünf Euro im Gesundheitswesen einspart. Gleichzeitig ist etwa jeder dritte Mensch in Deutschland jährlich von einer psychischen Erkrankung betroffen, während Therapieplätze bereits heute knapp sind. Vor diesem Hintergrund ist es besonders problematisch, ausgerechnet in diesem zentralen Versorgungsbereich zu sparen – mit dem Risiko späterer Behandlungen und deutlich höherer Folgekosten für Gesundheitssystem& Gesellschaft. Wie stehen Sie zu dieser Entscheidung und den Folgen?
Liebe Sara H.,
vielen Dank für Ihre Frage. Ich teile Ihre Sorge – gesundheitspolitisch ist die Absenkung der psychotherapeutischen Leistungen im Hinblick auf die schon derzeit bestehenden Versorgungslücken inakzeptabel.
Durch vielfältige gesellschaftliche Krisen erleben wir derzeit einen Anstieg psychischer Belastungen, besonders unter Kindern und Jugendlichen. Das Hilfesystem wird der steigenden Nachfrage nach Unterstützungs- und Behandlungsbedarfen nicht mehr gerecht und stößt schon heute an seine Kapazitätsgrenzen. Insgesamt sind die Zugänge zum Hilfesystem mit zu vielen Hürden belastet. Es ist nicht hinzunehmen, dass viele Menschen in einer psychischen Krise monatelang auf passende Hilfe warten müssen und die Suizidzahlen weiter steigen. Alle Menschen mit Hilfebedarf sollen im Bedarfsfall niedrigschwellige Zugänge zu passgenauen psychosozialen und therapeutischen Angeboten haben.
In einer Situation, in der der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung stetig steigt, Wartezeiten für viele Patient*innen unzumutbar lang sind und Praxen zugleich unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehen, ist eine pauschale Honorarkürzung ein verheerendes Signal. Wenn Praxen wirtschaftlich unter Druck geraten und Fehlanreize zu Ungunsten von GKV-Versicherten entstehen, gefährdet das die psychotherapeutische Versorgung.
Es ist unverständlich, dass ausgerechnet Psychotherapeut*innen zukünftig weniger für die Behandlung von GKV-Versicherten erhalten sollen. Psychotherapeutische Arbeit muss adäquat finanziert werden. Pauschale Kürzungen werden die bestehende Fehlsteuerung und die finanzielle Schieflage innerhalb des Gesundheitssystems nicht lösen können. Was wir stattdessen brauchen, sind nachhaltige Reformen und strukturelle Verbesserungen. Deshalb hat die Grüne Bundestagsfraktion den Eilantrag „Psychotherapeutische Versorgung strukturell stärken“ in den Deutschen Bundestag eingebracht: https://dserver.bundestag.de/btd/21/049/2104954.pdf
Wir fordern darin, eine Reform der psychotherapeutischen Bedarfsplanung, die sich an dem aktuellen Hilfebedarf orientiert. Zusätzlich soll die Versorgung von Kindern und Jugendlichen in einer eigenen Bedarfsplanung festgelegt werden. Denn Kinder und Jugendliche können keine langen Strecken zu einer Praxis überwinden. Sie brauchen ein Versorgungsangebot vor Ort, das auch mit ihrer Kita, Schule oder kommunalen Unterstützungsangeboten vernetzt werden kann. Und wir wollen, dass die Versorgung in Stadt und Land angeglichen wird, um gleiche gesundheitliche Lebensverhältnisse zu schaffen. Obwohl Menschen auf dem Land nicht seltener psychisch erkranken als Menschen in der Stadt, sind in ländlichen Regionen oder in Gebieten wie dem Ruhrgebiet nur halb so viele psychotherapeutische Versorgungsangebote vorgesehen wie in der Stadt. Diese Schieflage muss endlich begradigt werden. Und: für Menschen mit schweren und chronischen psychischen Erkrankungen müssen wir gezielt mehr Versorgungsangebote schaffen, damit sie besseren Zugang in die ambulante Versorgung haben.
Klar ist auch: Nur mit ausreichend Fachkräften ist die Patientenversorgung von morgen gesichert. Deshalb fordern wir endlich eine Absicherung der Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung.
Mit freundlichen Grüßen
Debbie Düring
