Wie stehen Sie zur Einführung einer Aktienrente?
Das derzeitige umlagebasierte Rentensystem erfüllt zwar wichtige solidarische Funktionen, führt jedoch strukturell zu einer Umverteilung zulasten niedriger Einkommen. Inwiefern wäre ein kapitalgedeckter Bestandteil – etwa über eine Aktienrente – geeignet, die langfristige Nachhaltigkeit des Systems zu stärken und zugleich die Belastung von Geringverdienenden gerechter zu gestalten?
Sehr geehrter Herr V.,
es stimmt, dass sich in der Vergangenheit mit einem langfristigen Investitionshorizont bereits hohe Renditen erwirtschaften ließen und sich eine zusätzliche Altersvorsorge durch breit gestreute Aktien durchaus rechnen kann. Dafür gibt es allerdings keine Garantie. Wer zum falschen Jahrgang gehört - und sich in der Investitionsphase eine große Finanzkrise ereignet – wird sein Geld nicht rausbekommen. Es gibt Haushalte, die es sich leisten können, mit einem gewissen Teil ihres Einkommens zusätzliche Vorsorge zu betreiben und womöglich auch Verluste oder schwache Erträge zu verkraften. Auf einen erheblichen Teil der Bevölkerung trifft dies allerdings nicht zu. Gerade Menschen, die in Unterbeschäftigung sind, zu den Aufstockern gehören oder von Arbeitslosigkeit betroffen sind, bräuchten höhere Löhne, um eine bessere Altersvorsorge zu erreichen. Aus einem höheren Einkommen könnte dann auch mehr gespart werden. Eine Aktienrente alleine ändert nämlich nichts daran, dass wer relativ wenig einzahlt auch relativ wenig ausgezahlt bekommt.
Ausführlich habe ich dazu in einer älteren Kolumne bei der Berliner Zeitung Stellung genommen
Und auch die Renditen auf den Finanzmärkten müssen durch Arbeit langfristig erwirtschaftet werden. Der Finanzmarkt ändert daher auch nichts an der Demographie. Der einzige Unterschied: die Banken und Fonds verdienen an der Rente mit. Würde außerdem mehr Rentenkapital auf dem Finanzmarkt angelegt werden, sinken auch die Renditen. Aktuell hat die Gesetzliche Rente sogar eine bessere Rendite als viele Fonds. https://www.zeit.de/wirtschaft/2025-02/rente-prognose-demografischer-wandel-junge-arbeitnehmer
Produktivität schlägt Demographie
Die Beschäftigten werden nicht nur älter sondern auch produktiver. Darauf hat zum Beispiel auch der Statistik-Professor Herr Bosbach widerholt hingewiesen.
https://taz.de/Neue-Aktienrente/!5900638/
Durch mehr öffentliche Investitionen in unseren Kapitalstock und somit die Sicherung der Produktivität, den Abbau von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sowie eine an der Zunahme der Produktivität orientierte Lohnentwicklung ließen sich bereits erhebliche Rentenlücken schließen.
Wenn zusätzlich noch mehr Menschen in die gesetzlichen Rentenkassen einzahlen würden – beispielsweise Abgeordnete, Selbstständige und langfristig womöglich auch Beamte –, wären die Renten tatsächlich sicher. Zudem könnte man die Beitragsbemessungsgrenze für Spitzenverdiener anheben oder sie, wie in der Schweiz, sogar ganz abschaffen und die Ansprüche nach oben deckeln.
Österreich zeigt, wie man die Renten auch ohne Riester-Fiasko und Aktienrente sichern kann. Denn dort müssen fast alle Erwerbstätigen in die Rentenkasse einzahlen. Die Arbeitgeber müssen mit etwa zwölf Prozent leicht höhere Beiträge als die Beschäftigten (etwa zehn Prozent) abführen. Die Durchschnittsrente liegt dort rund 800 Euro höher als in Deutschland. Zudem erhalten österreichische Rentner Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Das Renteneintrittsalter, ab dem man ohne Abschläge in Rente gehen kann, liegt bei 65 Jahren und ist somit niedriger als in Deutschland.
Mit freundlichen Grüßen,
Fabio De Masi
P.S.: Mehr Informationen zu meiner Arbeit im EU-Parlament finden Sie in meinem Newsletter:
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und auf meinem You-Tube-Kanal:
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