Olaf Scholz sagte, wir können ein starkes leistungsfähiges Industrieland sein und gleichzeitig klimaneutral wirtschaften (am 12. November). Stimmst du zu?

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Ingrid Nestle
Bündnis 90/Die Grünen
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Olaf Scholz sagte, wir können ein starkes leistungsfähiges Industrieland sein und gleichzeitig klimaneutral wirtschaften (am 12. November). Stimmst du zu?

Frage von Eric S. am
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Antwort vom
Zeit bis zur Antwort: 1 Woche 2 Tage

Hallo Eric,

Ich stimme zu – aber nur, wenn wir in den nächsten Jahren klug Politik machen. Von selbst passiert das nicht.
Ein starkes, leistungsfähiges Industrieland ist Deutschland schon heute. Dass wir auch klimaneutral wirtschaften können, davon bin ich fest überzeugt. Erneuerbare Energien sind sogar die Voraussetzung dafür, dass unsere Wirtschaft weiterhin bezahlbare Energiepreise erhalten kann. Die Preise für Strom aus Erneuerbaren Quellen sind in den letzten Jahren stark gefallen, inzwischen ist Strom aus Wind und Sonne schon günstiger als aus Kohle- oder Gaskraftwerken. Das ist eine sehr gute Nachricht, denn sicherer, bezahlbarer Strom aus Erneuerbaren Energien ist die Grundlage dafür, klimaneutral zu wirtschaften.

Und wir wollen beim Ausbau der Erneuerbaren jetzt endlich den Turbo einlegen: Dazu verhandeln ich und meine Kolleg*innen aus der Fraktion der Grünen gemeinsam mit unseren Koalitionspartner*innen in SPD und FDP gerade das „Osterpaket“: Ein ganzes Bündel an Maßnahmen, um dem Ausbau von Wind- und Solaranlagen richtig Schwung zu verleihen und rechtliche Hürden aus dem Weg zu räumen. Wenn es dich interessiert, findest du hier einen  Überblick: https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Downloads/Energie/0406_ueberblickspapier_osterpaket.pdf?__blob=publicationFile&v=14

Klar, die Sonne scheint nicht immer gleich stark – und es weht nicht immer gleich viel Wind. Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien schwankt also stärker als die aus Kohlekraftwerken, die rund um die Uhr ihre Kohle verbrennen können. Das muss aber kein Problem sein:
Erstens, weil wir das europäische Verbundnetz weiter ausbauen können. Gar nicht so weit entfernt von Hamburg, in Büsum, kommt beispielsweise das sogenannte Nordlink-Kabel an Land: Ein Seekabel, das unter der Nordsee verläuft und seit letztem Jahr das deutsche und das norwegische Stromnetz verbindet. Jetzt können norwegische Wasserkraftwerke Strom zu uns schicken, wenn bei uns Flaute ist. Und laufen dafür dort weniger, wenn bei uns der Wind kräftig weht.

Zweitens, weil wir daran arbeiten, dass flexible Verbraucher ihren Strombedarf in Zukunft besser an der Verfügbarkeit von Wind und Sonne ausrichten können: Aluminiumwerke beispielsweise können mit wenigen Anpassungen in der Produktion ihren Strombezug um 48 Stunden verschieben– und so mal mehr Strom nachfragen (wenn die Sonne scheint und mehr Wind weht) und mal weniger (wenn es bewölkt ist oder Flaute herrscht). Auch E-Autos (beim Aufladen ihrer Batterien) und Wärmepumpen (beim Produzieren von Heizwärme) könnten ihren Strom flexibel aus dem Netz ziehen und dadurch helfen, Verbrauchsspitzen abzuflachen. Damit das zum Standard wird und sich für die Verbraucher lohnt, arbeiten wir an intelligenten Tarifen und attraktiven Angeboten. Wer durch intelligente Steuerungstechnik Netzausbau einspart, muss belohnt werden – frei nach dem Motto „Köpfchen statt Kupfer“. Und natürlich spielen auch all die anderen Speicherarten eine Rolle.

Auch in der Industrie können wir auf Erneuerbare Energien umsteigen. Bei der Stahlherstellung etwa kann die Kohle, die bisher dafür verwendet wird, durch klimaneutralen Wasserstoff ersetzt werden, der ebenfalls mithilfe Erneuerbarer Energien hergestellt wird, und auch die Produktion von Wasserstoff kann auf die Verfügbarkeit von Erneuerbaren reagieren. Deutschland allein wird seinen eigenen Wasserstoffbedarf nicht decken können. Deshalb habe ich mich dafür eingesetzt, und freue mich, dass in Brunsbüttel in den kommenden Jahren ein Terminal für Ammoniak errichtet wird, ein Stoff, der Transport und zur Lagerung von Wasserstoff genutzt wird.

 

Grüner Strom ist die wichtigste Grundlage dafür, ein klimaneutrales Industrieland zu werden. Es gibt aber noch etwas, das uns den Weg dorthin erleichtern kann: Energie sparen!

Gerade erst hat Minister Habeck ein Instrument für Einsparungen in der Industrie angekündigt. Mit jedem Weg, den wir in einer Stadt wie Hamburg oder Berlin nicht mit dem Auto, sondern mit der Bahn oder auf gut ausgebauten Fahrradwegen zurücklegen, verabschieden wir uns ein Stück mehr von klimaschädlichem CO2, stinkenden Abgasen, und dem Kriegstreiber Putin. Und bewegen uns stattdessen hin zu einer Zukunft, die sicherer, lebenswerter und freier ist.

Mit jedem Haus, das wir in diesem Sommer dämmen, sparen wir uns im nächsten Winter das Verheizen von Öl und Gas. Auch das ist gut für die Heizkostenabrechnung, gut für das Klima – und gut für unsere Unabhängigkeit von kriegstreibenden Autokraten.

Zusammengefasst: Ich stimme Olaf Scholz in dieser Hinsicht zu. Deutschland kann ein starkes, leistungsfähiges Industrieland sein, und gleichzeitig klimaneutral wirtschaften. Ich würde sogar einen Schritt weitergehen: Wir können nicht nur zu einem Land werden, das klimaneutral wirtschaftet. Wer den Wirtschaftsstandort Deutschland langfristig stärken will, der muss die klimaneutrale Transformation gestalten.

Denn die Klimakrise stellt eine Gefahr für unsere Lebensgrundlage, unsere Freiheit und unseren Wohlstand dar. Und nur wenn wir uns klimaneutral aufstellen, werden wir wirtschaftlich und technologisch weiterhin in der Spitzenliga mitspielen und die Innovationskräfte unserer Wirtschaft entfalten können. 

Ob Klimakrise oder Abhängigkeit von russischen Ressourcen – die Energiewende ist die zentrale Antwort auf die Krisen unserer Zeit. Sie anzupacken, und Deutschland zu einem leistungsfähigen, aber klimaneutralen Industrieland zu machen – das ist eine großartige und lohnenswerte Aufgabe, an der ich mit Leidenschaft arbeite.  

Mit freundlichen Grüßen,

Ingrid Nestle

 

Um den Weg Deutschlands zu einem klimaneutralen Industrieland geht es auch im aktuellen Jahreswirtschaftsbericht, der vom Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Dr. Robert Habeck, vorgelegt wurde: https://cms.gruene.de/uploads/documents/jahreswirtschaftsbericht-2022.pdf

Recht gut geschriebene Veröffentlichungen erscheinen zudem regelmäßig auf der Seite von Agora Energiewende, etwa zur Klimaneutralität Deutschlands https://static.agora-energiewende.de/fileadmin/Projekte/2021/2021_04_KNDE45/A-EW_209_KNDE2045_Zusammenfassung_DE_WEB.pdf

oder zur Klimatransformation der deutschen Industrie: https://static.agora-energiewende.de/fileadmin/Projekte/2021/2021_10_DE_KIT/A-EW_249_Klimaschutzvertraege-Industrietransformation-Studie_WEB.pdf

Meine Pressemitteilungen zum Thema Energiewende findest du unter https://www.ingrid-nestle.de/meine-themen/energiewende/

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