Frage an Jan Korte bezüglich Gesellschaftspolitik, soziale Gruppen

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Jan Korte
DIE LINKE

Frage an Jan Korte von Naqernf Fpujnem bezüglich Gesellschaftspolitik, soziale Gruppen

01. November 2010 - 07:35

Sehr geehrter Herr Korte,

in Bezug auf S21 steht hier meiner Meinung nach nicht mehr und nicht weniger, als die demokratische Natur unserer Gesellschaft auf dem Spiel! Mir erschliesst sich die Logik dieser "Schlichtungsgespräche" in keinster Weise.
Entweder wird dem Volkswillen Rechnung getragen oder die Interessen der Investoren/Politiker setzen sich durch.

Was hat dies mit Demokratie zu tun?

oder:

In einer Republik geht alle Macht vom Volke aus! bzw. wer ist der Souverän in diesem Land?

kleine Gedankenstütze aus Wiki:
Unter einem Souverän (v. lat.: superanus, „über allen stehend“) versteht man den Inhaber der Staatsgewalt, in Republiken ist dies das Staatsvolk, in Monarchien der Monarch, häufig also ein König oder Fürst.

Um diesen Gedanken hypotetisch fortzuführen:
Sollte sich in Bezug auf S21 das/die Kapital/Politik durchsetzen, könnte sich in Deutschland meiner Meinung nach das noch vorherrschende "demokratische Verständnis" in eine "diktatorische Auffassung" des Systems wandeln. Das bisherige demokratische Gefüge der Gesellschaft würde sich negieren.

Frage: Wie werden Sie bzw. Ihre Partei diesem offensichtlichen Machtmissbrauch gegen den Willen des Souverän begegnen?

In der Hoffnung das Sie meine Anfrage erreicht verbleibe ich

Mit freundlichen Grüssen
A. Schwarz

Frage von Naqernf Fpujnem
Antwort von Jan Korte
22. Dezember 2010 - 13:35
Zeit bis zur Antwort: 1 Monat 3 Wochen

Sehr geehrter Herr Schwarz,

vielen Dank für Ihre Anfrage zur Rolle der Demokratie bei S21 und den Schlichtergesprächen.
Ich kann Ihre Empörung in Bezug auf das Vorgehen in Stuttgart und Ihre Bedenken bezüglich des Schlichtungsverfahrens gut nachvollziehen.
Zunächst einmal gilt: Demokratie beruht auf einer umfassend informierten Öffentlichkeit. Insofern muss es selbstverständlich sein, dass zu jeder Zeit Transparenz bei Kosten und Planung eines Projekts wie S21 gewährleistet ist. Dies ist offenbar in Stuttgart nicht ausreichend passiert, was ich scharf kritisiere. Die Informationspflicht sollte generell noch einmal durchdacht werden, auch und gerade wenn ein Projekt wie S21 durch alle parlamentarischen Gremien gegangen ist.
Ein weiterer Ihrer Kritikpunkte betrifft die Vermischung von Unternehmensinteressen und Politikerinteressen. Die LINKE fordert deswegen die Einführung eines verpflichtenden Lobbyistenregisters, um die Einflussnahme zu dokumentieren und zu begrenzen. Ebenso fordern wir, Karenzzeiten für Politiker einzuführen, damit sie nicht direkt aus ihrer Verantwortung für die Bürger in eine leitende Position eines Unternehmens wechseln können.
Statt eines Schlichtergesprächs, hätten die Bürgerinnen und Bürger mit einem Volksentscheid an der Entscheidung zu S21 beteiligt werden sollen. Dies wäre nach den Spielregeln der Demokratie das angemessen Verfahren in einer solchen Situation und die Beteiligung der Bevölkerung wäre sichergestellt. Um die bisher sehr eingeschränkten Möglichkeiten für Volksentscheide zu erweitern und damit eine Vitalisierung von Demokratie durch eine aktive Bürgerschaft zu erreichen, hat die LINKE die Einführung eines dreigliedrigen Verfahrens für Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid vorgeschlagen. Leider ist dieser Vorschlag mit den Stimmen der CDU/CSU, der FDP und SPD bei Enthaltung der Grünen abgelehnt worden.
Damit bleibt eigentlich nur ein Schluss: damit die Bevölkerung noch eine reele Chance hat mitzuentscheiden, sollte bis zur Landtagswahl im März 2011 ein Baustopp verhängt werden. Die Wahlentscheidung würde dann auch zu einer Entscheidung über S21 werden.

Sie äußern darüber hinaus Bedenken, dass sich das „demokratische Verständnis“ zu einer „diktatorischen Auffassung des Systems“ wandele. Dies Einschätzung teile ich nicht. Allerdings ist es erforderlich, sich an demokratischen Prozesse zu beteiligen, auch wenn das eine langfristige und oft auch mühselige Arbeit ist. Die Demokratie besteht bekanntermaßen so lange, wie die Bürgerinnen und Bürger sie am Leben erhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Jan Korte