Wie bewerten Sie den aktuellen Zustand des hessischen Bildungssystems, vor allem mit Blick auf Bildungsniveau, Chancengerechtigkeit und die Fähigkeit, Schüler angemessen zu fördern und schützen?
Sehr geehrte Frau H.,
vielen Dank für Ihre Frage, die ich gerne wie folgt beantworte.
Der Zustand des hessischen Bildungssystems ist aus meiner Sicht insgesamt besorgniserregend – nicht, weil Lehrkräfte oder Schulen versagen, sondern weil die Rahmenbedingungen seit Jahren nicht mit den wachsenden Anforderungen Schritt halten.
Beim Bildungsniveau sehen wir eine zunehmende Spreizung. Viele Schulen leisten Hervorragendes, oft über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Gleichzeitig zeigen Vergleichsstudien, dass grundlegende Kompetenzen – etwa Lesen, Schreiben und Rechnen – bei einem Teil der Schülerinnen und Schüler abnehmen. Das ist ein Warnsignal, das wir ernst nehmen müssen.
Bei der Chancengerechtigkeit hängt der Bildungserfolg immer noch stark vom Elternhaus ab. Kinder aus sozial schwächeren oder belasteten Familien starten mit deutlichen Nachteilen. Schule soll diese ausgleichen – tatsächlich gelingt das aber nur begrenzt, weil Personal, Zeit und gezielte Förderangebote fehlen.
Auch die Fähigkeit der Schulen, Kinder zu fördern und zu schützen, steht unter Druck. Lehrkräfte sind zunehmend mit sozialen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten, Sprachdefiziten und psychischen Belastungen konfrontiert. Viele Schulen bräuchten mehr Schulsozialarbeit, multiprofessionelle Teams und klare Schutzkonzepte – doch genau daran mangelt es häufig.
Mein Fazit:
Wir dürfen Bildung nicht länger nur verwalten. Hessen braucht kleinere Klassen, mehr Unterstützungssysteme, bessere Ausstattung und vor allem realistische Konzepte, die Lehrkräfte entlasten und Kinder wirklich fördern und schützen. Bildung ist keine Nebensache – sie ist die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt und individuelle Zukunftschancen.
