Denken Sie, dass sich die Zustände des Pflegepersonals in Kliniken bereits seit Corona verbessert hat? Ich arbeite selbst in diesem Bereich und würde mich sehr interessieren, was die Politik denkt.
Ich halte es für wichtig, hier nicht mit pauschalen Eindrücken zu arbeiten, sondern die Entwicklung nüchtern zu betrachten. Die Lage in der Pflege ist weiterhin angespannt, aber zu implizieren, seit der Corona Pandemie habe sich in den Kliniken nichts verbessert, trifft so nicht zu.
Bei der Finanzierung hat es einen grundlegenden Systemwechsel gegeben. Seit 2020 werden die Pflegepersonalkosten der Krankenhäuser aus den DRG-Fallpauschalen ausgegliedert und über ein krankenhausindividuelles Pflegebudget nach dem Selbstkostendeckungsprinzip finanziert. Das heißt: Pflege am Bett wird nicht mehr wie früher innerhalb der Fallpauschalen mitverrechnet, sondern gesondert refinanziert. Der GKV-Spitzenverband bezeichnet diese Änderung als die nachhaltigste Veränderung im DRG-System seit dessen Einführung.
Auch beim Personalaufbau ist die Entwicklung messbar. Nach Auswertungen zum Pflegebudget ist die Zahl der festangestellten Vollzeitkräfte im Pflegedienst der Krankenhäuser zwischen 2019 und 2024 um mehr als 50.000 auf rund 350.600 gestiegen. Das durchschnittliche jährliche Personalwachstum lag in den Jahren 2011 bis 2018 bei 0,7 Prozent, nach Einführung des Pflegebudgets zwischen 2019 und 2024 dagegen bei 3,4 Prozent. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist zudem darauf hin, dass die Beschäftigten im Pflegedienst, umgerechnet in Vollzeitäquivalente, in den vergangenen zehn Jahren um rund 90.000 auf fast 409.000 im Jahr 2024 gestiegen sind.
Bei den Gehältern ist ebenfalls kein Stillstand erkennbar. Für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst wurden 2025 und 2026 weitere Tarifsteigerungen vereinbart: 3,0 Prozent, mindestens 110 Euro, ab dem 1. April 2025 sowie weitere 2,8 Prozent ab dem 1. Mai 2026. Hinzu kommen höhere Zulagen für Schicht und Wechselschichtarbeit, gerade für Beschäftigte in Krankenhäusern. Das ist keine kleine Veränderung. Es bedeutet aber auch: Wer über die Pflege spricht, muss anerkennen, dass die Einkommen in vielen Bereichen deutlich gestiegen sind.
Hinzu kommt die Entwicklung der Arbeitszeiten. Teilzeit ist in der Pflege überdurchschnittlich stark verbreitet. Das Statistische Bundesamt weist aus, dass der Anteil der Personen, die in Teilzeit unter 30 Wochenstunden tätig sind, beim Pflegepersonal rund zehn Prozentpunkte höher liegt als in anderen Berufen, nämlich 38 zu 27 Prozent. Aus der Praxis wird mir zudem berichtet, dass Pflegefachkräfte ihre Arbeitszeit teilweise bewusst reduzieren, weil das gestiegene Einkommen eine 30-Stunden-Stelle für sie ausreichend erscheinen lässt. Das ist kein Vorwurf, sondern ein Hinweis darauf, dass die Debatte differenzierter geführt werden muss. Nicht jede reduzierte Arbeitszeit ist Ausdruck schlechterer Bedingungen; sie kann auch Ausdruck neuer finanzieller Spielräume und anderer Lebensentwürfe sein.
Gleichzeitig wäre es falsch, die Probleme kleinzureden. Schichtdienst, Wochenenddienste, hohe Verantwortung, Bürokratie und kurzfristige Dienstplanänderungen belasten viele Beschäftigte weiterhin erheblich. Auch die Einhaltung der Pflegepersonaluntergrenzen hat sich trotz Personalaufbau nicht automatisch verbessert. Nach WIdO-Daten wurden die Pflegepersonaluntergrenzen 2024 in 14,3 Prozent der betroffenen Schichten nicht eingehalten. Das zeigt: Mehr Geld und mehr Personal allein lösen nicht jedes organisatorische Problem im Klinikalltag.
Politisch ist deshalb die richtige Schlussfolgerung nicht, so zu tun, als sei nichts passiert. Richtig ist: Es hat deutliche Verbesserungen bei Finanzierung, Personalaufbau, Vergütung und tariflichen Rahmenbedingungen gegeben. Der nächste Schritt muss sein, dass diese Verbesserungen auch besser auf Station ankommen. Dazu gehören weniger Bürokratie, verlässlichere Dienstplanung, ein klügerer Personaleinsatz, moderne digitale Unterstützung und eine Krankenhausstruktur, die Personal nicht in ineffizienten Doppelstrukturen bindet.
Mein Fazit ist daher klar: Ja, es hat sich seit der Corona Pandemie etwas verbessert. Nein, die Lage ist noch nicht zufriedenstellend. Aber wer behauptet, es habe sich gar nichts getan, blendet wesentliche Fakten aus.
