Was bedeutet Ihnen der heutige Gedenktag, der 27.Januar, und wie würdigen Sie diesen?
Sehr geehrte Frau Schielke-Ziesing,
heute, am 27. Januar, dem internationalen Gedenktag an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, gedenken wir der über eine Million Menschen, die dort von Deutschen und ihren Kollaborateuren ermordet wurden – Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, politische Gefangene, Widerstandskämpfer, kranke und behinderte Menschen sowie Millionen verschleppte Slawen und Zwangsarbeiter.
Vor diesem historischen Hintergrund möchte ich Sie fragen:
Wie gehen Sie als Repräsentantinnen und Repräsentanten einer Partei, deren Rhetorik und Geschichtsverständnis immer wieder in der Nähe von Relativierungen der Nazi-Verbrechen zu verorten ist, mit der Verantwortung um, an diesen Tag würdevoll und glaubwürdig zu erinnern?
Halten Sie es angesichts der von Ihrer Partei angeführten „Schuldkult“ und „erinnerungspolitische Wende“ ein ehrliches Gedenken an die Opfer des Holocaust für möglich? Wie halten Sie es persönlich?
Sehr geehrter Herr M.,
ich verwehre mich entschieden gegen den Vorwurf, mit unserem „Geschichtsverständnis“ die Nazi-Verbrechen zu relativieren. Das Gegenteil ist der Fall. Denn wer es ernst meint mit dem „ehrlichen Gedenken“, muss sich erstens fragen, wie es zu diesen unverzeihlichen Verbrechen kommen konnte.
Der Autor Hendrik M. Boder hat dazu treffend gesagt: „Weil sie damals so waren, wie ihr heute seid!”. Gemeint sind Menschen, die davon überzeugt sind auf der „richtigen Seite“ zu stehen, und unter dem Deckmantel der Israelkritik übelsten Antisemitismus verbreiten, gerne im Schulterschluss mit Islamisten. Dieser tolerierte Antisemitismus hat dazu geführt, dass sich Juden in Deutschland nicht mehr sicher fühlen.
Sie haben mich nach meiner persönlichen Meinung gefragt: Das ist eine Schande. Der 27. Januar ist für mich deshalb eine Erinnerung daran, dass man nicht nur die toten Juden betrauern, sondern die lebenden Juden schützen muss. Alles andere ist Heuchelei.
