DPG und DMG fordern aufgrund der eskalierenden Klimakrise über Rückzug aus tieferliegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee zu diskutieren. Aus Ihrer Sicht: Ab wann sollten wir darüber diskutieren?
Sehr geehrter Herr Schwab,
zwei der renommiertesten naturwissenschaftlichen Gesellschaften in Deutschland, die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft (DMG), warnen, dass eine globale Erwärmung um 3 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau bereits um 2050 nicht ausgeschlossen werden kann. Beide fordern u.a. "den Rückzug aus tieferliegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee zu diskutieren."
https://www.dpg-physik.de/veroeffentlichungen/publikationen/stellungnahmen-der-dpg/klima-energie/klimaaufrufDie EVP ist in den letzten Monaten aufgefallen, Klimaschutzmaßnahmen einzuschränken (Förderung CO2 erzeugender Autos, Abschwächung Waldschutzgesetz, Verschiebung ETS II) und das sogar z.T. zusammen mit der extremen Rechten.Wie muss die Situation aus Ihrer Sicht sein, ab der wir über einen Rückzug diskutieren müssen?Mit freundlichen Grüßen
Alexander K.
Sehr geehrter Herr K.,
haben Sie vielen Dank für Ihre Zuschrift und den Hinweis auf den gemeinsamen Aufruf der DPG und DMG. Die Warnungen der Wissenschaft nehmen wir sehr ernst; der Klimawandel ist keine abstrakte Gefahr, sondern eine fundamentale Herausforderung für die Sicherheit unseres Kontinents. Die EVP steht ohne Wenn und Aber zum Ziel der Klimaneutralität bis 2050 und dem 55 %-Ziel für 2030.
Ihre Frage nach dem ‚Rückzug aus Küstenregionen‘ rührt an eine existenzielle Sorge. Aus unserer Sicht ist es entscheidend, die Diskussion über Anpassungsstrategien proaktiv und ohne Tabus zu führen, bevor uns die Ereignisse zum Handeln zwingen. Eine solche Debatte darf jedoch niemals als Kapitulation vor dem Klimaschutz missverstanden werden. Unser Fokus liegt daher auf einem ‚Dreiklang der Sicherheit‘:
- Schutz durch Innovation: Wir investieren massiv in modernen Küstenschutz und resiliente Infrastruktur, um die Heimat der Menschen so lange wie möglich zu bewahren.
- Faktenbasierte Vorsorge: Diskussionen über Umsiedlungen oder Rückzüge müssen dort geführt werden, wo die wissenschaftlichen Daten zeigen, dass technischer Schutz an seine physikalischen Grenzen stößt. Dies muss in engem Dialog mit den betroffenen Regionen und Bürgern geschehen, nicht über deren Köpfe hinweg.
- Wirtschaftliche Stabilität: Wir halten an Klimaschutzmaßnahmen fest, die Industrie und Arbeitsplätze in Europa halten. Nur ein wirtschaftlich starkes Europa hat die Ressourcen, um die immensen Kosten für die Anpassung an den Meeresspiegelanstieg zu stemmen.
Wir streben eine Politik an, die Ökologie und Ökonomie versöhnt. Nur wenn wir die Menschen bei diesen schwierigen Fragen mitnehmen und soziale Härten abfedern, bleibt die Akzeptanz für den notwendigen Wandel erhalten.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Andreas Schwab, MdEP.
