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Wie lässt sich das deutsche Wissenschaftssystem wieder nach vorne bringen?

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Carolin Wagner
SPD
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Frage von Andreas W. •

Wie lässt sich das deutsche Wissenschaftssystem wieder nach vorne bringen?

Sehr geehrte Frau Wagner,

ich gehöre zu den „Flüchtlingen“ des deutschen Hochschulsystems: Nach Jahren prekärer, hierarchischer Beschäftigung, Unterbezahlung und teils toxischer Männlichkeitskulturen bin ich nach Dänemark gegangen, wurde dort mit Kusshand empfangen, und habe Karriere gemacht. Inzwischen bin ich ein führender Forscher meines Feldes.

Der Nature-Artikel „How to stop the revolving door of German academia“ (https://www.nature.com/articles/d41586-025-03850-7) benennt Kettenbefristungen, WissZeitVG und das Fehlen verlässlicher Karrierewege. Wie wollen Sie im Forschungsausschuss konkret gegensteuern, damit mehr Dauerstellen, transparente Tenure-Modelle und faire Arbeitsbedingungen entstehen – und Deutschland seine Talente nicht weiter verliert? Aus meiner Sicht sind die vollkommen veralteten Wissensstrukturen in Deutschland ein wirklicher Wettbewerbsnachteil, da viele Innovationen in Universitäten entstehen.

Mit freundlichen Gruessen
Andreas W.

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Antwort von SPD

Sehr geehrter Herr W.,

entscheidend sind Verbesserungen für die Beschäftigten im wissenschaftlichen Betrieb der Bundesrepublik Deutschland in drei Handlungsfeldern:

Im besonderen Arbeitsrecht des wissenschaftlichen Betriebes (WissZeitVG) müssen die Beschäftigten deutlich bessergestellt werden: Wir brauchen Mindestvertragslaufzeiten, umfassende Regelungen zum Nachteilsausgleich für Familiengründungen, Pflege von Angehörigen und ähnlich gelagerte Fälle, sowie eine klarere Unterscheidung zwischen Daueraufgaben verwaltender od. technischer Art einerseits und Qualifizierungsaufgaben andererseits. Entscheidend ist außerdem die kollektive Ermächtigung der Beschäftigung durch den weitgehenden Entfall der sog. Tarifsperre, damit diese sich selbst um ihre Angelegenheiten kümmern können.

Strukturell muss die Bundesrepublik im engen Zusammenwirken mit den Ländern auf die Schaffung von Departementstrukturen hinwirken. Dies ist originär eine Aufgabe der deutschen Länder, der Bund kann hier durch finanzielle Anreize und den richtigen Rahmen nur Hilfestellung leisten. Derartige Strukturen sind unerlässlich, um zeitgemäßes Arbeiten insbesondere im Post-Doc-Bereich zu ermöglichen. Weniger steile Hierarchien, frühere Leitungsfunktionen und eine Verringerung der Abhängigkeit von Einzelpersonen sind naheliegend durch bereite Mittelbaustrukturen abseits der Lehrstühle zu erreichen.

Schließlich braucht es eine Aufwertung und Stärkung der Laufbahnen unterhalb bzw. neben der Professur. Wissenschaft spielt sich nicht allein durch Lehrstuhlinhaberinnen und -inhaber ab, sondern auch durch den lehrenden und forschenden Mittelbau. Die Stellenprofile sind wiederum Ländersache, jedoch kann der Bund im Handlungsfeld Arbeitsrecht durch eine Art „tenure in den Mittelbau“ und durch die beschriebenen Strukturanreize den Weg zu befriedigenden Karrieren mit unbefristeten Verträgen und eigenständiger Arbeit unterhalb des Lehrstuhls weisen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Carolin Wagner, MdB

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