Wie setzen Sie sich dafür ein, Deutschlands Abhängigkeit von Big Tech zu reduzieren?
Sehr geehrte Frau Schäfer,
wir sind im Tech Bereich in hohem Maß von US-Konzernen abhängig (Verwaltung: ~ 99% von Microsoft, Suchmaschinen: Marktanteil Google ~ 90%, der KI-Bereich wird gerade unter US-Konzernen aufgeteilt). In der Theorie haben wir viele Gesetze, die man nutzen könnte, um diese Macht einzuhegen. In der Praxis werden Digitalgesetze wie der Digital Services Act (DSA) und der Digital Markets Act (DMA) kaum durchgesetzt. Ähnliches gilt für Bezahlsysteme (es gibt keinen europäischen Kreditkartenanbieter mehr). Was tun Sie bzw. planen Sie zu tun, um die bestehenden Gesetze durchzusetzen und den Aufbau europäischer Alternativen (Software, Systeme, Plattformen, Bezahl-Infrastruktur) zu fördern? Vielen Dank für Ihre Antwort.
Sehr geehrte Frau B.,
vielen Dank für Ihre wichtige Nachricht. Ich teile Ihre Einschätzung: Deutschlands und Europas Abhängigkeit von einzelnen großen Tech-Konzernen ist längst kein rein digitalpolitisches Thema mehr. Die aktuelle Weltlage zeigt, wie gefährlich es ist, wenn zentrale digitale Infrastruktur bei außereuropäischen Konzernen liegt. Sie betrifft unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, unsere geopolitische Handlungsfähigkeit und letztlich auch unsere demokratische Souveränität.
Unsere Grünen Fraktionen im Bundestag und im Europaparlament setzten sich deshalb seit Langem für mehr digitale Souveränität ein und drängen auch die schwarz-rote Bundesregierung und die EU-Kommission, hier endlich konsequent zu handeln. Digitale Abhängigkeiten müssen systematisch erfasst, transparent gemacht und Schritt für Schritt reduziert werden. Bereits im vergangenen Jahr haben wir das Thema mit einem Antrag im Bundestag auf die Tagesordnung gesetzt und konkrete Maßnahmen für mehr digitale Souveränität vorgeschlagen:
https://www.gruene-bundestag.de/unsere-politik/fachtexte/digitale-souveraenitaet-staerken/
Auch aus der Opposition heraus nutzen wir unsere parlamentarischen Möglichkeiten, um bestehende Abhängigkeiten sichtbar zu machen und politischen Handlungsdruck aufzubauen. So hat eine Schriftliche Frage unserer Fraktion offengelegt, dass der Bund allein im Jahr 2025 rund 481 Millionen Euro für Microsoft-Lizenzen ausgegeben hat:
https://www.stern.de/news/bund-hat-2025-ueber-481-millionen-euro-fuer-microsoft-lizenzen-ausgegeben-37118816.html
Solche Zahlen machen deutlich, wie groß die bestehenden Abhängigkeiten inzwischen sind und dass dringend ein strategischer Kurswechsel erforderlich ist.
Darüber hinaus sprechen wir das Thema regelmäßig in Regierungsbefragungen und Ausschüssen an und fordern die Bundesregierung auf, konkrete Schritte für mehr digitale Souveränität einzuleiten. Beispiele dafür finden Sie unter anderem hier:
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw16-de-regierungsbefragung-1145262
sowie hier (ab Minute 22):
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw03-pa-digitales-1135524
Zudem müssen natürlich die bestehenden europäischen Digitalgesetze, insbesondere der Digital Services Act und der Digital Markets Act, konsequent durchgesetzt werden. Sie schaffen faire Wettbewerbsbedingungen, begrenzen die Marktmacht großer Plattformen und stärken die Rechte von Nutzer:innen. Darum haben wir immer wieder an die EU-Kommission appelliert, diese Regeln konsequent durchzusetzen.
Darüber hinaus muss der Staat seine Beschaffungspolitik neu ausrichten. Öffentliche Einrichtungen sollten bestehende Abhängigkeiten nicht durch immer neue milliardenschwere Lizenzverträge verfestigen, sondern konsequent auf offene Standards, Interoperabilität, Open-Source-Software und europäische Anbieter setzen. Dem Leitgedanken „Public Money, Public Code“ kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Wo öffentliche Mittel in Software fließen, sollten möglichst auch öffentlich nutzbare Lösungen entstehen.
Digitale Souveränität braucht einen langfristigen politischen Kurswechsel. Genau dafür setzen wir uns als Grüne auf allen Ebenen ein.
Mit freundlichen Grüßen,
Jamila Schäfer
