Stimmen Sie der automatischen Kopplung des Rentenalters zu? Ja oder Nein?
Sehr geehrter Herr Joswig,Die schrittweise Koppelung des Renteneintrittsalters an die statistische Lebenserwartung ist ein Kernbestandteil der aktuellen Rentenreform in Deutschland. Empfehlungen der Expertenkommission sehen vor, dass das Rentenalter ab dem Jahr 2032 regelmäßig nach oben angepasst wirdDie Kritik an der Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung entzündet sich vor allem an sozialer Ungerechtigkeit und gesundheitlichen Belastungen. Da die Lebenserwartung in der Bevölkerung ungleich steigt, droht Geringverdienern und körperlich Arbeitenden eine faktische Rentenkürzung, während Akademiker länger von der Rente profitieren.Welche Haltung haben Sie dazu?
Stimmen Sie der Kopplung zu oder nicht?
Sehr geehrter Herr B.,
herzlichen Dank für Ihre Frage zu diesem wichtigen Thema. Ich halte eine automatische Kopplung des Renteneintrittsalters an die durchschnittliche Lebenserwartung für zu pauschal und nicht richtig. Entscheidend ist aus meiner Sicht zunächst, dass Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, das bereits beschlossene gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren gesund zu erreichen.
Ihr Einwand zur sozialen Ungleichheit ist dabei berechtigt. Die durchschnittliche Lebenserwartung sagt wenig darüber aus, wie lange einzelne Menschen tatsächlich gesund arbeiten können. Wer über Jahrzehnte körperlich schwer gearbeitet hat oder besonderen gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt war, hat oft deutlich andere Voraussetzungen als jemand in einem weniger belastenden Beruf. Eine rein statistische Betrachtung der Lebenserwartung greift deshalb zu kurz.
Bevor über eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters gesprochen wird, müssen wir daher die Voraussetzungen dafür schaffen, dass mehr Menschen bis 67 arbeiten können. Dazu gehören bessere und altersgerechte Arbeitsbedingungen, wirksame Gesundheitsprävention, gute Reha-Angebote und Möglichkeiten zum Wechsel in weniger belastende Tätigkeiten. Zugleich brauchen wir verlässliche Lösungen für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht bis 67 arbeiten können.
Ich halte es außerdem für richtig, flexiblere Übergänge in den Ruhestand zu ermöglichen. Wer länger arbeiten möchte und dazu gesundheitlich in der Lage ist, sollte dies unkompliziert tun können. Wer dagegen nach einem langen und belastenden Arbeitsleben nicht mehr kann, darf nicht durch pauschale Regelungen benachteiligt werden.
Für mich ist deshalb klar: Die Entwicklung der Lebenserwartung kann Teil einer langfristigen rentenpolitischen Debatte sein. Eine automatische Erhöhung des Renteneintrittsalters allein nach statistischen Durchschnittswerten halte ich aber nicht für überzeugend. Im Mittelpunkt muss zunächst die Frage stehen, wie wir es mehr Menschen ermöglichen, gesund und tatsächlich bis zum geltenden Renteneintrittsalter von 67 Jahren zu arbeiten.
Mit freundlichen Grüßen
Julian Joswig
Mitglied des Deutschen Bundestages
