Warum soll der Minijob für jeden wegfallen?
Sehr geehrte Frau Borchardt,
ich möchte mich Ihnen gerne kurz vorstellen und meine Situation erklären.
Ich bin ~30 Jahre alt und arbeite Vollzeit, meine Ehefrau hat eine 25% Stelle und studiert "nebenbei" Medizin.
Um das fehlende Geld irgendwie aufzufangen bin ich auf einen Minijob angewiesen.
Mit welcher Begründung fällt diese Einkommensform für mich weg?
Ich habe bereits einen Beruf und zahle SV, zudem stelle in meiner "Freizeit" meine Arbeitsleistung zur Verfügung die ja auch Steuern/Waren/Leistung für unser Land erwirtschafte.
Die Debatte ob die aktuelle Form der Minijobs so weiter geführt werden kann ist völlig richtig und nachvollziehbar.
Meiner Meinung nach geht dieser Entschluss aber völlig an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei. Hier werden Menschen benachteiligt die bereits in SV einzahlen, aber aufgrund der extrem hohen Kosten was dazuverdienen wollen/müssen.
Warum können Minijobs nicht für Menschen mit Beschäftigung erhalten bleiben?
Mit freundlichen Grüßen
Simon
Zunächst ist mir wichtig, den aktuellen Stand sauber einzuordnen. Ein konkreter Gesetzentwurf, mit dem Minijobs für alle abgeschafft werden sollen, liegt derzeit nicht vor. Diskutiert werden Reformvorschläge. Diese müssen nun politisch geprüft, abgewogen und gegebenenfalls in ein parlamentarisches Verfahren überführt werden. Erst dann steht fest, was tatsächlich geregelt werden soll.
Die Debatte über Minijobs ist dennoch berechtigt. Das heutige System hat Schwächen. Es kann dazu führen, dass Menschen dauerhaft in geringfügiger Beschäftigung bleiben, statt in sozialversicherungspflichtige Arbeit zu wechseln. Gerade für die Alterssicherung ist das ein Problem. Wer über Jahre nur geringe oder keine eigenen Beiträge zahlt, hat später geringere Ansprüche. Auch dort, wo Minijobs reguläre Beschäftigung ersetzen, entsteht eine Schieflage.
Deshalb halte ich eine Reform der Minijobs grundsätzlich für richtig. Arbeit soll sozial abgesichert sein. Es darf nicht der politische Normalfall sein, dass Beschäftigung dauerhaft außerhalb der regulären Sozialversicherung organisiert wird. Ein Arbeitsmarkt, der auf zu vielen geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen beruht, löst keine strukturellen Probleme, sondern verschiebt sie.
Ihr Fall zeigt aber auch, warum die Debatte differenziert geführt werden muss. Wer bereits Vollzeit arbeitet, Sozialversicherungsbeiträge zahlt und zusätzlich arbeitet, um das Familieneinkommen zu stabilisieren, befindet sich in einer anderen Lage als jemand, der dauerhaft ausschließlich in geringfügiger Beschäftigung gehalten wird. Diese Unterschiede müssen bei einer möglichen Reform berücksichtigt werden.
Für mich ist entscheidend, dass eine Reform nicht an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht. Wer zusätzlich arbeitet, darf nicht pauschal unter Verdacht gestellt werden. Gleichzeitig darf Politik nicht ignorieren, dass Minijobs in Teilen des Arbeitsmarktes Fehlanreize setzen. Beides muss zusammen betrachtet werden.
Ich werde eine Reform unterstützen, wenn sie dazu beiträgt, soziale Absicherung zu verbessern, reguläre Beschäftigung zu stärken und Missbrauch einzudämmen. Dabei muss aber genau geprüft werden, wie Nebenverdienste von Menschen behandelt werden, die bereits sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Eine pauschale Antwort würde der Sache nicht gerecht.
