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Frage an Stephanie Erben von Jürgen Härer

Stephanie Erben
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BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN
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Frage von Jürgen H. •

Frage an Stephanie Erben von Jürgen H. bezüglich Wissenschaft, Forschung und Technologie

Der erfolgreiche Abschluß der Hauptschule reicht häufig nicht mehr, um noch eine Lehrstelle zu finden, viele Ausbildungsbetriebe bevorzugen Realschüler oder Gymnasiasten, weil die Hauptschüler zu wenig Wissen und Fähigkeiten mitbringen und andererseits die Berufsanforderungen anspruchsvoller geworden sind. Was soll mit dem dreigliedrigen Schulsystem passieren? Soll das auf Dauer beibehalten werden?

Stephanie Erben
Antwort von BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Sehr geehrter Herr Härer,

haben Sie vielen Dank für Ihre Frage, die ich Ihnen gern - wenn auch etwas umfangreich beantworten möchte

Die PISA-Studien haben uns eines gezeigt: Im internationalen Vergleich gelingt es in Deutschland überhaupt nicht gut, die Kinder individuell zu fördern und zu guten Leistungen zu führen. Der Schulerfolg eines Kindes in Deutschland hängt damit viel stärker als in anderen Ländern von seiner sozialen Herkunft ab.

So ist der Besuch eines Gymnasiums oder der Hochschule immer noch viel zu stark von der sozialen Herkunft geprägt. Besonders deutlich treten diese so genannten schichtspezifischen Effekte beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I hervor.

Das muss sich aus unserer Sicht dringend ändern. Daher wollen wir Schluss machen mit der viel zu frühen Trennung, oftmals schon nach der vierten Klasse und in unseren Schulen längeres, gemeinsames Lernen ermöglichen. 90 Prozent der Thüringerinnen und Thüringer befürworten die Idee des längeren gemeinsamen Lernens und auch die demografische Entwicklung zwingt uns, über zukunftsfähige und gerechte Schulstrukturen nachzudenken.

Unser Ziel ist eine Schule, in der alle Kinder bis zum Abschluss der Sekundarstufe I, der 9. Klasse, gemeinsam lernen und den bestmöglichen Bildungsabschluss in einer Schule für alle erreichen können. Dafür braucht es die konsequente Umsetzung des längeren, gemeinsamen Lernens und eine flächendeckende und verbindliche Einführung der Gemeinschaftsschule.

Die Weiterentwicklung der Schullandschaft darf allerdings nicht in populistischem Schulstreit enden. Unser Ziel ist ein Schulsystem das wirklich alle mitnimmt – Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte sowie sonstiges pädagogisches Personal. Wir setzen uns daher für einen „Schulkonsens“ aller Beteiligten ein.

Das in der Verfassung festgeschriebene Prinzip der Vorrangigkeit des in Grundschule, Regelschule und Gymnasium gegliederten Schulsystems, welches zu Ausgrenzung und permanenter Selektion führt, halten wir dagegen für nicht mehr zeitgemäß.

Hinzu kommt, dass die bisherige Ausgestaltung des dreigliedrigen Schulwesens dazu führt, dass in Thüringen mehr Schülerinnen und Schüler absteigen als aufsteigen. So sind beispielsweise im Schuljahr 2011/2012 allein Thüringen 883 SchülerInnen vom Gymnasium auf die Regelschule gewechselt, umgekehrt jedoch nur 533 SchülerInnen. Das zeigt, dass eine ausgewogene Durchlässigkeit im Schulwesen bei weitem nicht gegeben ist. Auch deutschlandweite Studien (Bertelsmannstiftung 2012) zeigen, dass auf einen Schulaufsteiger in Deutschland mehr als zwei Absteiger kommen.

Daher brauchen wir insgesamt mehr Durchlässigkeit im Bildungswesen. Ein Schulsystem darf nicht einfach nur nach unten durchlässig sein. „Abschulungen“ sind häufig noch viel zu oft pädagogische Praxis und viel zu selten wird hingegen geprüft, ob ein Schüler einen Aufstieg schaffen kann.

Das zeigt, dass sich auch unser Schulwesen in dieser Hinsicht weiterentwickeln muss. Wir müssen daher mehr Wert auf individuelle Förderung legen und den Unterricht am pädagogischen Prinzip der individuellen Förderung ausrichten und die Lehrerinnen und Lehrer in Aus- und Fortbildung dafür befähigen.

Dafür braucht es selbstverständlichen die notwendigen Ressourcen für Lehrkräfte und für die Umsetzung eines inklusiven Bildungswesen, das wirklichen keinen Menschen ausgrenzt. Daher streiten wir bspw. für die Aufhebung des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern, welches bisher verhindert, dass der Bund im Bildungsbereich mitfinanzieren darf.

Schließlich müssen sich auch die Unternehmen angesichts der demografischen Entwicklung umorientieren. Konnten diese bisher bei der Auszubildendenauswahl immer auch auf Absolventen höherer Abschlüsse zurück greifen, wird sich dies absehbar ändern und ist in einigen Landesteilen schon bereits jetzt nicht mehr gegeben. So sind beispielsweise in Thüringen immer noch nach Beginn des Ausbildungsjahres 4000 Ausbildungsstellen unbesetzt.

Das zeigt mir, dass auch die Unternehmen sich darauf einstellen müssen, Einstiegsangebote und Fort- und Weiterqualifizierungen für Ausbildungsanwärter mit niedrigeren Schulabschlüssen bereit zu stellen. Dies wollen wir politisch fördern.

Außerdem setzen wir auf eine Verbesserung der Bedingungen in den Schulen und die Umsetzung einer modernen durchgängigen Berufsorientierung, die durch Modernisierung des Berufsbildungssystems ergänzt werden muss. Sinnlose Warteschleifen wollen wir beenden. Statt einem Wirrwarr an Übergangsmaßnahmen brauchen wir eine grundlegende strukturelle Reform des Ausbildungssystems, dass auf Modularisierung der Berufsausbildung setzt und auf dem bundesweiten Ausbau von überbetrieblichen Berufsbildungsstätten und der Anrechnung aller Bildungsschritte basiert.

Mit freundlichen Grüßen
Stephanie Erben

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