Welche konkrete Position vertritt das BSW Berlin zur zukünftigen Fan- und Fußballpolitik?
Sehr geehrter Herr King,
Welche konkrete Position vertritt das BSW Berlin zur zukünftigen Fan- und Fußballpolitik? Insbesondere würde mich interessieren, wie Sie zu kontrollierter Pyrotechnik, Kollektivstrafen, personalisierten Tickets, pauschalen Stadionverboten und der Rolle der Polizei bei Fußballspielen stehen. Setzen Sie eher auf Repression und stärkere Überwachung oder auf Dialog, Deeskalation und eine stärkere Einbindung von Fanorganisationen? Und wäre das BSW bereit, Fanprojekte und Fanorganisationen bei der Erarbeitung der Berliner Fußball- und Sicherheitspolitik verbindlich einzubeziehen?
Vielen Dank
Vielen Dank für Ihre konkrete Anfrage zur Fan- und Fußballpolitik des BSW Berlin.
Zunächst grundsätzlich: Fußball ist für uns weit mehr als ein kommerzielles Unterhaltungsangebot. Vereine, Kurven, Fanclubs, Fanprojekte und die gewachsene Fankultur gehören zu Berlin. Wir wollen deshalb für Sicherheit sorgen, ohne alle Fans unter Generalverdacht zu stellen oder die Stadien durch immer mehr Überwachung und Repression zu verändern.
Unsere Linie ist klar: Konsequent gegen Gewalt und konkrete Straftaten vorgehen – aber keine Kollektivstrafen und keinen Generalverdacht gegenüber friedlichen Fans.
Pyrotechnik
Beim Thema Pyrotechnik muss differenziert werden. Wer Pyrotechnik auf Menschen wirft oder andere dadurch konkret gefährdet, muss mit Konsequenzen rechnen. Daraus darf aber nicht folgen, dass jeder Einsatz von Pyrotechnik automatisch mit maximaler Repression beantwortet wird. Wir halten deshalb einen offenen Dialog über kontrollierte Pyrotechnik für sinnvoll. Denkbar wären klare Regeln, abgegrenzte Bereiche, geeignete Sicherheitskonzepte und verbindliche Absprachen zwischen Vereinen, Fans, Feuerwehr, Ordnungsdiensten und Behörden.
Kollektivstrafen
Kollektivstrafen lehnen wir ab. Es ist nicht verhältnismäßig, zehntausende friedliche Fans für das Verhalten Einzelner zu bestrafen. Geisterspiele, pauschale Blocksperren oder der Ausschluss ganzer Fangruppen treffen vor allem diejenigen, die mit Gewalt nichts zu tun haben. Solche Maßnahmen haben zudem Gewalt und andere Straftaten nicht aus den Stadien verdrängt. Sanktionen müssen sich deshalb grundsätzlich gegen diejenigen richten, die für konkrete Verstöße verantwortlich sind.
Personalisierte Tickets
Personalisierte Tickets sehen wir kritisch. Ein Fußballstadion darf kein Überwachungsraum werden. Wenn jeder Stadionbesucher grundsätzlich identifiziert und erfasst wird, wird der Fußballbesuch zunehmend zu einem kontrollierten Vorgang. Wir setzen stattdessen auf die gezielte Identifizierung konkreter Tatverdächtiger – auf Grundlage rechtsstaatlicher Verfahren.
Stadionverbote
Wer nachweislich schwere Straftaten begeht oder andere Menschen gefährdet, muss mit einem angemessenen Stadionverbot rechnen. Pauschale Stadionverbote für ganze Gruppen oder Fangruppierungen oder allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Fanszene lehnen wir dagegen ab. Ein Stadionverbot darf weder ein Ersatz für ein rechtsstaatliches Verfahren sein noch dazu dienen, unliebsame, aber friedliche Fankultur aus den Stadien zu verdrängen.
Rolle der Polizei
Sicherheit darf nicht automatisch mit immer mehr Polizeiaufgeboten, Überwachung und niedrigeren Eingriffsschwellen gleichgesetzt werden. Wir wollen eine Polizei, die bei konkreten Gefahren konsequent handelt, aber nicht jeden Fan als potenziellen Störer betrachtet. Bei Gewaltverstößen sind zunächst die Sicherheitskräfte in den Stadien gefordert. Gerade beim Fußball sind Deeskalation und Kommunikation entscheidend. Fanbeauftragte, Fanprojekte, Vereine, Polizei und organisierte Fans sollten frühzeitig miteinander sprechen – nicht erst dann, wenn ein Konflikt bereits eskaliert ist.
Fanprojekte und Fanorganisationen verbindlich beteiligen
Fußballpolitik darf nicht allein von Innenbehörden, Verbänden und Vereinen bestimmt werden. Die Menschen, die Woche für Woche in den Stadien stehen, bringen wichtige praktische Erfahrungen mit und kennen ihre Fanszenen, Konfliktlagen und Probleme. Wir können uns deshalb gut vorstellen, Fanprojekte und repräsentative Fanorganisationen verbindlich in die Entwicklung der Berliner Fußball- und Sicherheitspolitik einzubeziehen. Dazu gehören regelmäßige Sicherheitsdialoge, die Beteiligung an Konzepten für Risikospiele und eine verbindliche Evaluation getroffener Maßnahmen.
Das bedeutet nicht, dass Politik oder Polizei ihre Verantwortung abgeben. Sicherheit muss aber gemeinsam organisiert werden – und nicht über die Köpfe der Fans hinweg. Berlin sollte deshalb einen anderen Weg einschlagen: mehr Dialog statt Überwachung um jeden Preis, klare Regeln statt Generalverdacht und konsequentes Vorgehen gegen tatsächliche Gewalt bei gleichzeitigem Schutz der gewachsenen Fankultur.
