Sehr geehrte Frau Hagedorn, wie stehen Sie zu den aktuellen Verzögerungen der FBQ insbesondere auf deutscher Seite, ist 2029 noch realistisch? Wann fahren wieder Züge statt der SEV auf der Strecke.
Sehr geehrte Frau M.,
vielen Dank für Ihre Frage vom 26. November zu den aktuellen Verzögerungen beim Bau der Fehmarnbeltquerung und deren Hinterlandanbindung. Wie Sie offenbar nicht wissen, habe ich 2009 im Bundestag zu diesem Staatsvertrag zum Bau einer Festen Fehmarnbeltquerung (FFBQ) mit „Nein“ gestimmt und bin seit über 25 Jahren Gegnerin dieses Wahnsinnsprojektes. Ausführliche Positionierungen von mir zu den Entwicklungen beim Bau der FFBQ und der Hinterlandanbindung können Sie seit 2005 auf meiner Homepage nachlesen unter www.bettinahagedorn.de. Unter der Rubrik: „Top-Themen“ und dem Menüpunkt „Fehmarnbeltquerung“ finden Sie aktuell ALLES, was ich während meiner parlamentarischen Laufbahn dazu veröffentlicht habe.
Obwohl ich dieses größte Infrastrukturprojekt Nordeuropas also zwei Jahrzehnte vehement bekämpft habe, engagiere ich mich - seitdem klar, ist, dass sich das per Staatsvertrag gesicherte Milliarden-Projekt leider nicht mehr verhindern lassen wird - mit ganzer Kraft für die Belange der Anwohner entlang der 88 km langen Hinterlandanbindung quer durch meine Heimat Ostholstein. Ich habe stets davor gewarnt, wie immens die negativen Folgen für die Menschen in unserer Region – insbesondere in der Bauphase und durch den Lärm der XXL-Güterzüge – sein werden und wurde dafür vielfach belächelt. Inzwischen schlagen insbesondere die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der betroffenen Kommunen Alarm, weil im Zuge der laufenden zehn (!) Planfeststellungsverfahren immer deutlicher wird, wie massiv die Wohn- und Lebensqualität der Menschen in der Region negativ betroffen sein wird. Auf meiner Homepage können Sie u.a. auch nachlesen, dass ich – um auf Ihre erste Frage zu antworten – schon seit vielen Jahren öffentlich und durch Fakten belegt die Auffassung vertrete, dass die Inbetriebnahme dieser 88 km langen Strecken auf gar keinen Fall bis 2029 realisierbar ist – aktuell halte ich frühestens 2033 für realistisch. Es handelt sich dabei keinesfalls um „unerwartete Verzögerungen“, sondern um von Anbeginn an völlig unrealistische Zeitpläne der Deutschen Bahn, die ja bundesweit bei Schienenprojekten nicht die Ausnahme, sondern längst die Regel sind – denn die Eröffnung von „Stuttgart 21“ wurde ja erst vor kurzem erneut um ein weiteres Jahr verschoben. Auch von Dänemark ist das bis zum Sommer 2025 verkündete Eröffnungsdatum Ende 2029 längst nicht mehr zu halten… Bei Abschluss des Staatsvertrages 2008 sollte die Beltquerung samt Hinterlandanbindung (damals allerdings noch als 18-km lange Brücke über den Belt und als Elektrifizierung der eingleisigen Bestandstrasse und Erhalt der Sundbrücke geplant) übrigens noch 2018 in Betrieb genommen werden.
Zu Ihrer 2. Frage zur prognostizierten Dauer des Schienenersatzverkehrs bedingt durch die Baumaßnahmen an der Hinterlandanbindung bin ich definitiv die falsche Ansprechpartnerin für Sie. Dazu können ausschließlich die Deutsche Bahn beziehungsweise die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie das Land Schleswig-Holstein Auskunft geben, die mit der DB kontinuierlich im Dialog sind. Da von den zehn Planfeststellungsverfahren allerdings erst zwei abgeschlossen und eines (Bad Schwartau) noch nicht einmal eröffnet sind, wird Ihnen derzeit dazu niemand eine seriöse Antwort geben können. Ich rate Ihnen sehr, sich an den vielen Informationsveranstaltungen zu beteiligen, die dazu in den Regionen Ostholsteins von der DB und den Kommunen angeboten werden.
Ich selbst mache auch seit 20 Jahren kontinuierlich Informationsveranstaltungen zu diesem Thema in Ostholstein, wobei ich allerdings nur zu den Themen Stellung beziehen kann, für die ich als Bundestagsabgeordnete zuständig bin. In diesem Jahr war ich unter anderem besonders intensiv im Austausch mit der Bürgerinitiative Kaltenhof aus Bad Schwartau, die mir Ende Mai etliche besorgte Briefe geschrieben hatte, in denen Sorgen um verkehrliche Einschränkungen, Lärm und Erschütterungsbelastungen der Anwohner sowie die massiven Abholzungen im Kurpark kritisch angesprochen wurden. Als Reaktion darauf habe ich nicht nur alle Briefe beantwortet, sondern mit der SPD Bad Schwartau und der SPD-Landtagsabgeordneten Sandra Redmann am 12. Juni 2025 zu einem öffentlichen Info-Gespräch zur Fehmarnbeltquerung und Hinterlandanbindung unter dem Motto „Was kommt auf unsere Stadt zu?“ in die Mensa des Gymnasiums am Mühlenberg eingeladen, zu der ca. 100 Interessierte kamen. Auch am 19. September 2025, als das Infomobil des Bundestages für drei Tage auf dem Discounter-Markt im Zentrum Bad Schwartaus für Besucherinnen und Besucher geöffnet war, habe ich mich dort mit den Vertreterinnen und Vertretern der Bürgerinitiative zum Gespräch getroffen – schade, dass ich Sie bei beiden Veranstaltungen nicht kennenlernen konnte.
Schon Jahre zuvor habe ich unzählige Gespräche mit sowohl dem damaligen Bürgermeister Bad Schwartaus Dr. Uwe Brinkmann, später auch mit der jetzigen Bürgermeisterin Katrin Engeln sowohl in Berlin wie auch mit den Stadtvertreter*innen aller Fraktionen im Rathaus geführt und die Interessen Bad Schwartaus stets absolut unterstützt. Das Problembewusstsein der Menschen in Ostholstein für die unweigerlichen negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität entlang der geplanten 88-km-langen Güterschwerverkehrstrasse wuchs nur langsam. Auf öffentlichen Veranstaltungen habe ich versucht, die Bevölkerung über die Konsequenzen aufzuklären und zur aktiven Teilnahme am Planungsprozess der Hinterlandanbindung zu animieren. Beispielhaft möchte ich eine Podiumsdiskussion in Pansdorf am 22. August 2017 mit über 100 Gästen und Experten erwähnen sowie die SPD-Diskussionsveranstaltung „Schlaflos in Bad Schwartau“ am 5. September 2017 in der Mensa der Elisabeth-Selbert-Gemeinschaftsschule, als ich mit Bürgermeister Uwe Brinkmann, meiner SPD-Kollegin Sandra Redmann und Umwelt- und Verkehrsexperten über den Schutz vor dem erwartbaren Lärm durch die geplanten Güterzüge auf der Hinterlandanbindung aufgeklärt und mit ca. 100 Gästen diskutiert habe.
Seit 2008 ist der Bundesrechnungshof, der seitdem dieses Bauvorhaben in allen Facetten eng und kritisch mit seinen Berichten für den Haushaltsausschuss beleuchtet, der engste „Verbündete“ der Betroffenen in Ostholstein. Seit 2002 bin ich im Rechnungsprüfungsausschuss aktiv und nutze dieses Gremium kontinuierlich, um dem Bundesverkehrsministerium und der Deutschen Bahn „auf den Zahn zu fühlen“. In den Sitzungen des Haushaltsausschusses am 28.08. und am 04.09.2025, als an beiden Tagen Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder mit seinem Etat auf der Tagesordnung stand, nutzte ich die Gelegenheit, um den Verkehrsminister auf, die am 23. Juli offenbarten, drastischen Verzögerungen der Inbetriebnahme der Hinterlandanbindung um 3 bis 4 Jahre insbesondere mit Blick auf den Sundtunnel und den Planungsabschnitt Bad Schwartau anzusprechen. Meine Fragen beantwortete Verkehrsminister Schnieder präzise und klar: bereits am 28. August hätten zwischen den Vorhabenträgern Femern A/S und der deutschen InfraGO erste Abstimmungen zur erforderlichen Verschiebung des Zeitplans stattgefunden mit dem Ergebnis, dass offenbar auch Dänemark eine Bauverzögerung von mehr als einem Jahr beim Bau des Belttunnels einräumen musste.
Am 21. Juli 2025 platzte öffentlich eine „Bombe“, als das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) mit der Auslegung der Planfeststellungunterlagen für den Bau der neuen Fehmarnsundquerung erstmals öffentlich bekannt gab, dass eine Verzögerung um 3 bis 4 Jahre bei der Inbetriebnahme des Sundtunnels zugegeben werden musste. Damit wurde die gebetsmühlenartig vorgetragene und gleichzeitig völlig utopische Zielsetzung der Deutschen Bahn, dass die Inbetriebnahme des Fehmarnsundtunnels sowie der Hinterlandanbindung bis Lübeck inklusive des vom Bundestag im Juli 2020 beschlossenen übergesetzlichen Lärmschutzes entlang der Trasse bis 2029 umgesetzt werden könne, als dreiste Lüge enttarnt. Wenn dieser Planfeststellungsbeschluss zum Sundtunnel - wie von der DB geplant - Ende 2026 festgestellt und damit erstmals beklagt werden könnte, dann ist jetzt Dank des Eisenbahn-Bundesamtes klar, dass die 88-km lange Trasse quer durch Ostholstein in keinem Fall vor 2033 in Betrieb genommen werden kann. Die positive Konsequenz daraus ist, dass dadurch auch mehr Zeit für die Umsetzung der weiteren acht Bauabschnitte zwischen Fehmarn und Lübeck bleiben wird, was allerdings auch darauf schließen lässt, dass der Schienenersatzverkehr auf dieser Strecke leider noch länger zum Dauerzustand wird. Bis wann genau? Das kann Ihnen derzeit leider keiner glaubwürdig vorhersagen!
Herzlichst
Ihre Bettina Hagedorn
