Routinemäßige Genitalbegutachtung bei der Musterung: Gewinnen wir so junge Menschen für die Bundeswehr, wenn sie den Erstkontakt mit Schamverletzung bis Demütigung verbinden?
Sehr geehrter Herr Droßmann,
Sie bezeichnen Ihre eigene Musterung als "furchtbar" und kritisieren, man „wurde an Stellen angefasst, an denen man nicht angefasst werden möchte" (MoPo, 05.12.25).
Mit der neuen Musterungspflicht soll zwar die Umgebung freundlicher werden, aber es bleibt dabei, dass jeder 18-Jährige routinemäßig aufgefordert wird sein Genital zu entblößen. Die urologische S3-Leitlinien zum Hodenkarzinom spricht sich explizit dagegen aus, die Hodenkrebsinzidenz bei 18-J. liegt laut RKI bei unter 5 auf 100.000 und Urologie-Professor Friedersdorff (Berlin) sieht keinen Zusammenhang zur Tauglichkeitsbestimmung.
Die Dienstvorschrift nennt als Gründe: Fehlen, Verlagerung und Veränderung der Hoden sowie an Nebenhoden und Samensträngen, Parasitenbefall oder endokrine Störungen; teilweise sehr fragwürdig und idR durch Anamnese klärbar.
Wie stehen Sie heute zur routinemäßigen Genitalbegutachtung bei der Musterung? Wollen Sie sich dafür einsetzen, dass diese gestrichen wird?
Sehr geehrter Herr S.,
vielen Dank für Ihre Nachfrage zu diesem wichtigen Thema. Sie haben mir bereits im Mai diesen Jahres Ihre Frage per Mail geschickt und an meiner Antwort darauf hat sich inhaltlich nichts geändert:
Ihr Verweis auf mein Zitat, dass ich die Musterung als furchtbar beschrieb, stammt aus der öffentlichen Anhörung des Deutschen Bundestages zum neuen Wehrdienst und bezog sich auf die Musterung alter Tage. Meine Musterung fand vor ca. 35 Jahren statt.
Wie im weiteren Verlauf der öffentlichen Anhörung ausgeführt wurde, wird die neue Musterung moderner, freundlicher und den Ansprüchen des Jahres 2026 gerecht. Und natürlich gibt es angenehmere Dinge, als von medizinischem Fachpersonal an intimen Stellen untersucht zu werden, egal ob bei Frauen oder Männern. Aber wie bei gynäkologischen Untersuchungen hat auch das Abtasten der Hoden seinen medizinischen Sinn und Zweck:
Bei dem sehr kurzen Abtasten (ein paar Sekunden) wird dabei nicht nur nach den von Ihnen beschriebenen Karzinomen gesucht, sondern auch nach Hodenhochstand, etwaigen Leistenbrüchen oder Verhärtungen und Knoten aller Art. Empfohlen wird das (sogar regemäßige) Abtasten der Hoden deswegen unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V., dem Berufsverband der Deutschen Urologen e.V., der Stiftung für Hodenkrebs und nahezu alle gesetzlichen und privaten Krankenkassen.
Auch wenn die allermeisten medizinischen Untersuchungen unauffällig sind: Den jungen Männer, bei denen Auffälligkeiten festgestellt werden, kann anschließend geholfen werden und etwaige Krankheiten bleiben nicht unentdeckt.
Junge Männer können bei der neuen Musterung das Hodenabtasten durch Mediziner der Bundeswehr im Zweifelsfall auch verweigern und die Untersuchung vorab oder nachträglich von einem zivilen Facharzt ihrer Wahl durchführen lassen.
Viele junge Menschen schämen sich (vollkommen unbegründet) für echte oder vermeintliche Auffälligkeiten, gerade im Intimbereich. Zu viele trauen sich deswegen leider oft nicht, solche Dinge in einem Anamnese-Bogen offen anzusprechen. Deswegen muss der Check-up von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden.
Fazit: Das Abtasten ist medizinisch sinnvoll, dauert wenige Sekunden und kann auch vom zivilen Facharzt des Vertrauens durchgeführt werden.
Aus diesen Gründen halte ich das Abtasten der Hoden im Rahmen der Musterung für vertretbar.
Viele Grüße
Falko Droßmann
