Sehr geehrter Herr Wiegelmann, wie stehen Sie zum neuen Reformpaket, insbesondere zur Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung? Vielen Dank.
Sehr geehrter Herr R.,
vielen Dank für Ihre Anfrage.
Zum Reformpaket insgesamt: Ich unterstütze die Empfehlungen der Alterssicherungskommission ausdrücklich und zwar als Ganzes. Die Kommission hat ihre Vorschläge bewusst als Gesamtkonzept vorgelegt, dessen Elemente aufeinander abgestimmt sind. Wer einzelne Bausteine herauslöst, bringt die Statik des gesamten Pakets in Gefahr – etwa, wenn man die Entlastungen mitnähme, die Niveausicherung aber wegließe, oder umgekehrt. Nach meiner Überzeugung sollten die Empfehlungen deshalb eins zu eins umgesetzt werden. Und sie sollten schnell umgesetzt werden: Diese Reform kommt in Wahrheit bereits rund 15 Jahre zu spät. Jedes weitere Jahr des Zuwartens verteuert die Lösung und verengt den Spielraum für großzügige Übergangsregelungen und Vertrauensschutz, die gerade den rentennahen Jahrgängen zugutekommen.
Zur Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung: Auch diese Empfehlung trage ich mit voller Überzeugung mit. Wichtig ist mir, dass klar wird, wie moderat und planbar dieser Mechanismus ausgestaltet ist. Steigt die Lebenserwartung um ein Jahr, entfallen davon acht Monate auf ein längeres Erwerbsleben und vier Monate auf einen längeren Rentenbezug (Verhältnis 2:1). Das heutige Verhältnis von rund 40 Jahren Erwerbsphase zu rund 20 Jahren Rentenbezug bleibt damit im Kern konstant. Die Rentenzeit wird also nicht verkürzt, sie wächst sogar weiter mit, nur eben langsamer als die Lebenserwartung insgesamt. Nach den aktuellen Annahmen des Statistischen Bundesamtes bedeutet das eine Anhebung der Regelaltersgrenze um etwa sechs Monate alle zehn Jahre: von 67 auf 67,5 Jahre im Zeitraum 2031 bis 2041, wirksam erst ab 2032 für die Jahrgänge 1965 und jünger, jeweils mit mindestens fünf Jahren Vorlauf festgelegt. Von einem abrupten Eingriff in laufende Lebensplanungen kann also keine Rede sein.
Der große Vorteil einer solchen regelbasierten Lösung liegt darin, dass sie das Renteneintrittsalter aus dem politischen Tagesgeschäft herausnimmt: keine wiederkehrenden Grundsatzdebatten vor jeder Bundestagswahl, sondern ein transparenter, für alle Jahrgänge frühzeitig berechenbarer Mechanismus, dessen Grundannahmen regelmäßig überprüft werden.
Wir werden immer älter – das ist eine gute Nachricht. Aber ein Umlagesystem, in dem immer weniger Beitragszahlende immer mehr Rentenbeziehende über immer längere Zeiträume finanzieren, trägt sich nicht von selbst. Die maßvolle Beteiligung der zusätzlichen Lebensjahre am Erwerbsleben ist der fairste Weg, dieses System für Ihre und für die nachfolgenden Generationen zu sichern.
Mit freundlichen Grüßen
Johannes Wiegelmann
