Was unternimmt Ihre Fraktion, um diese drohende soziale Spaltung in der ohnehin überlasteten ambulanten psychotherapeutischen Versorgung zu stoppen?
Sehr geehrte Frau Stange,
als Berichterstatterin für die ambulante Versorgung wissen Sie um die Brisanz sozialer Ungleichheit im Gesundheitswesen. Als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut arbeite ich am Limit, meine Warteliste beträgt mittlerweile 12 volle Monate. Der geplante BMG-Gesetzentwurf will die Vergütung künftig an regionale Kassen-Einnahmen koppeln, was den Zugang zur Therapie vom Wohnort abhängig macht – ein fatales Signal für Kinder aus benachteiligten Familien. Was unternimmt Ihre Fraktion, um diese drohende soziale Spaltung in der ohnehin überlasteten ambulanten psychotherapeutischen Versorgung zu stoppen?
Sehr geehrter Herr Tobias L.,
vielen Dank für Ihre Zuschrift und dafür, dass Sie sich mit Ihren Sorgen und Ihrer Einschätzung an mich gewandt haben.
Die aktuellen Debatten rund um das GKV-Paket und die psychotherapeutische Versorgung verfolge ich mit großer Sorge. Für mich ist klar: Es darf nicht sein, dass die Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung ausgerechnet auf dem Rücken psychisch erkrankter Menschen und derjenigen ausgetragen werden, die ihre Versorgung Tag für Tag sicherstellen.
Aus linker Sicht ist Gesundheit keine Ware und keine Sparmasse. Wer Hilfe braucht, muss sie bekommen - unabhängig vom Einkommen und ohne zusätzliche Hürden. Genau deshalb halte ich es für falsch, bei der psychotherapeutischen Versorgung zu kürzen oder Regelungen zu schaffen, die den Zugang erschweren, Wartezeiten verlängern oder den Druck auf Praxen weiter erhöhen. Ihre Bedenken hinsichtlich der hiervon besonders betroffenen Kinder aus sozial benachteiligten Familien teile ich.
Viele der Punkte, die Sie schildern, finde ich auch in den Unterlagen des Zusammenschlusses der Verbände gegen Kürzungen in der Psychotherapie wieder, die mich zu diesem Thema erreicht haben. Dort wird sehr deutlich beschrieben, dass kurzfristige Einsparungen in diesem Bereich am Ende zu Lasten der Versorgung gehen - und damit vor allem zu Lasten der Patient*innen.
Mir ist wichtig: Menschen in psychischen Krisen brauchen verlässliche Hilfe, und dafür braucht es auch gute und verlässliche Rahmenbedingungen für diejenigen, die diese Versorgung leisten. Wer Versorgung sichern will, darf die Beschäftigten und Behandelnden nicht zusätzlich unter Druck setzen.
Sinnvoll sind Reformen dort, wo sie Bürokratie abbauen und den Zugang zu Hilfe verbessern. Nicht sinnvoll sind Maßnahmen, die auf dem Papier nach Einsparung aussehen, in der Realität aber Leid verschärfen und Versorgung verschlechtern.
Ich werde mich deshalb weiterhin dafür einsetzen, dass psychische Gesundheit in der gesundheitspolitischen Debatte nicht dem Rotstift geopfert wird. Nötig sind eine solidarische Finanzierung des Gesundheitssystems durch alle Versicherten und alle Einkommensarten sowie eine nachhaltige Stärkung der ambulanten und klinischen Versorgung statt neuer Sparrunden.
Mit freundlichen Grüßen
Julia-Christina Stange, MdB
