Sehr geehrte Frau Borchardt: Wie stehen Sie zu den vom neuen Bundesminister für Gesundheit Carsten Linnemann avisierten Kürzungen der "Kinderkrankentage"?
https://www.fr.de/politik/sonderregeln-der-corona-zeit-linnemann-will-kinderkrankentage-drastisch-kuerzen-zr-94507290.html
Ich möchte Sie fragen: Welche Ansicht haben Sie?
Kleine und auch größere Kinder werden krank (z.B. diverse Infekte, nicht nur Corona). Gottlob, wenn Arbeitgeber dann Home-Office genehmigen (und keine Kinderkrankentage anfallen). Was ist mit den Müttern und Vätern, denen das nicht vergönnt ist (oder alleinerziehend sind)? Aus welchem Grunde sinkt eigentlich die Geburtenrate in Deutschland (ist Deutschland familienfreundlich- kennt die Politik die Nöte der Familien?). Als bisherige CDU-Wählerin muss ich Ihnen leider mitteilen, dass ich kein Vertrauen mehr in die CDU habe. Die bisherigen "Reformen" waren gar keine. Es sind Kürzungen. Die letzten Wahlergebnisse überraschen mich überhaupt nicht. Ich wünsche Ihnen, als auch der gesamten CDU, dass Sie und Ihre Partei bitte Wahlergebnisse als auch Umfragen Ernst nehmen. Andernfalls haben sie mich als Wählerin verloren.
Ihre Sorge kann ich nachvollziehen. Gerade wenn beide Eltern berufstätig sind oder ein Elternteil allein für ein Kind verantwortlich ist, lässt sich ein krankes Kind eben nicht einfach „wegorganisieren“. Homeoffice ist längst nicht in jedem Beruf möglich.
Zur aktuellen Diskussion möchte ich zunächst einen Punkt richtig einordnen. Es geht nicht um die Abschaffung der Kinderkrankentage und auch nicht um eine neu beschlossene Kürzung im klassischen Sinne.
Nach § 45 SGB V beträgt der reguläre Anspruch zehn Arbeitstage je Kind und Elternteil beziehungsweise 20 Arbeitstage für Alleinerziehende. Für 2026 gilt noch eine befristete Sonderregelung mit 15 beziehungsweise 30 Arbeitstagen. Bei mehreren Kindern liegt die Höchstgrenze derzeit bei 35 beziehungsweise 70 Tagen. Ohne eine erneute Verlängerung greift ab 2027 wieder die gesetzliche Regelung mit zehn beziehungsweise 20 Tagen und einer Höchstgrenze von 25 beziehungsweise 50 Tagen.
Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann hat am 23. September im Deutschen Bundestag erklärt, dass diese befristete Sonderregelung nicht erneut verlängert werden soll. Er hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Kinderkrankentage damit nicht abgeschafft werden.
Die Schlagzeile, die Kinderkrankentage würden nun „drastisch gekürzt“, bildet diesen Hintergrund deshalb nur unvollständig ab. Richtig ist aber auch: Für betroffene Eltern bedeutet das Auslaufen der Sonderregelung ab 2027 tatsächlich fünf Tage weniger pro Kind und Elternteil beziehungsweise zehn Tage weniger für Alleinerziehende. Diesen praktischen Unterschied sollte man nicht kleinreden.
Ich halte es grundsätzlich für richtig, befristete Sonderregelungen aus der Corona-Zeit nicht automatisch dauerhaft fortzuführen. Gleichzeitig dürfen wir uns damit die Diskussion über Familienfreundlichkeit nicht zu einfach machen. Kinder werden krank, unabhängig von politischen Fristen. Besonders Alleinerziehende oder Eltern in Berufen, in denen Homeoffice schlicht nicht funktioniert, brauchen verlässliche Rahmenbedingungen.
Allein die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, schließt den Anspruch auf Kinderkrankengeld nicht aus, wenn die Betreuung des erkrankten Kindes erforderlich ist.
Ihre grundsätzliche Kritik an der Familienpolitik nehme ich deshalb ernst. Die sinkende Geburtenrate lässt sich allerdings nicht seriös auf eine einzelne politische Entscheidung oder Leistung zurückführen. Familienfreundlichkeit entscheidet sich im Alltag: daran, ob Betreuung funktioniert, ob Arbeit und Familie zusammenpassen und ob Eltern in schwierigen Situationen tatsächlich Unterstützung erfahren.
Auch Ihre Kritik an der CDU und an den jüngsten Wahlergebnissen nehme ich zur Kenntnis. Vertrauen gewinnt eine Partei nicht dadurch zurück, dass sie schlechte Ergebnisse erklärt oder relativiert. Politische Entscheidungen müssen verständlich sein und im Alltag funktionieren. Daran müssen wir uns messen lassen.
