Sind sie für die Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung?
Die Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung ist ein mathematisch sauberer, menschlich zynischer Akt: Der Durchschnitt wird zum Gesetz, obwohl er die Realität der meisten nicht abbildet. Die steigende Lebenserwartung ist kein homogenes Geschenk an alle, sondern ein Klassensymbol: Wer in Büros sitzt, profitiert; wer 40 Jahre auf dem Bau, in der Pflege oder am Fließband gearbeitet hat, hat oft schon mit 65 abgearbeitet. Die Statistik lügt nicht – sie verschweigt nur, dass die Standardabweichung das Leben ist. Wer die Rente „automatisch“ anpasst, entlastet das System auf Kosten derer, die es am wenigsten tragen können.
Vielen Dank für Ihre Frage. Ja, ich unterstütze den Vorschlag der Alterssicherungskommission. Die Zahlen zeigen deutlich, dass immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentenjahre finanzieren. Wer heute so tut, als könne alles bleiben, wie es ist, verspricht etwas, das die junge Generation mit immer höheren Beiträgen bezahlen müsste. Das wäre die eigentliche Ungerechtigkeit. Die Kommission schlägt deshalb einen maßvollen Weg vor. Von jedem gewonnenen Jahr Lebenserwartung fließen zwei Drittel in die Erwerbsphase, ein Drittel bleibt zusätzliche Rentenzeit. Konkret hieße das eine Anhebung von 67 auf 67,5 Jahre bis 2041. Steigt die Lebenserwartung nicht weiter, steigt auch die Altersgrenze nicht.
Ihren zentralen Einwand teile ich in der Sache. Lebenserwartung und Gesundheit sind ungleich verteilt. Wer 40 Jahre auf dem Bau, in der Pflege oder am Fließband gearbeitet hat, darf nicht mit dem Durchschnitt abgerechnet werden. Genau dafür sieht das Konzept eine Schutzrente für langjährige Beitragszahler vor: Wer lange eingezahlt hat und aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in seinem Beruf arbeiten kann, soll früher in Rente gehen können, ohne auf andere Tätigkeiten verwiesen zu werden. Das ist zielgenauer als eine pauschale Frühverrentung, von der bisher vor allem Gesunde und Gutverdiener profitiert haben.
Die Alternative zur Anpassung wären höhere Beiträge, niedrigere Renten oder immer größere Steuerzuschüsse zulasten unserer Kinder. Ich halte den Weg der Kommission für den ehrlicheren.
