Wie kann die Einreise mit der Chancenkarte erleichtert werden?
Sehr geehrter Herr Demir,
Ich habe eine Frage zur Chancenkarte. Das ist ja eine gute Idee, aber es kamen bisher zu wenige mit diesem Visum.
Warum gibt es im Punktesystem bisher keine Kategorie für eine nachweisbare, langjährige enge Bindung zu einem deutschen Staatsbürger (analog zu den Nachweisen bei einer Eheschließung, z. B. durch Chatverläufe, Videocalls und Zeugenaussagen)?
Eine solche 'soziale Patenschaft' garantiert:
Vorgelagerte Integration: Die Person ist bereits vor Einreise mit der Kultur und Sprache vertraut.
Entlastung des Staates: Private Unterstützung bei Wohnungssuche und Behördengängen.
Prävention von Isolation: Ein fester Anker in der Gesellschaft minimiert das Risiko des Scheiterns.
Wie finden Sie die Idee? Wie wäre es, wenn C1 Englisch 2 Punkte gib? Mandarin Chinesisch 1 Punkt? Oder was wollen Sie tun damit mehr Leute ein Visum bekommen? Oder was ist ihr Plan damit mehr junge Migranten kommen und integriert werden?
Mit freundlichem Gruß
N. B.
Sehr geehrte Frau B.,
herzlichen Dank für Ihre Zuschrift und Ihre Ideen.
Deutschland ist mit der Chancenkarte als Arbeitssuchvisum im internationalen Vergleich sehr liberal aufgestellt. Länder wie Kanada und Australien haben ebenfalls punktebasierte Arbeitssuchvisa. Frankreich hat ebenso wie Deutschland ein Arbeitssuch-Visa-Programm, das aber an einen Hochschulabschluss geknüpft ist. In den USA ist die am ehesten vergleichbare Green Card nur für bestimmte Länder zugänglich und wird verlost.
In Bezug auf die bisherige Wirkung der Chancenkarte lässt sich feststellen, dass die Chancenkarte mit rund 17.500 erteilten Visa im Jahr 2025 gut angenommen wird, aber auch noch Potenzial zur Ausweitung besteht. Beim Gesetzgebungsprozess waren jährliche Erteilungen von 30.000 Visa das Ziel. Diese Zahl wird aber je nach Arbeitsmarktlage angepasst.
Ebenfalls spannend: Die Chancenkarte zieht vor allem das Interesse von Hochqualifizierten auf sich, was erste Erhebungen zum Qualifikationsstand von Menschen, die sich online über die Möglichkeiten der Chancenkarte informieren, zeigen: https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/108170/ssoar-2025-engler_et_al-Ein_Jahr_Chancenkarte_Erste_Bilanz.pdf?sequence=1
Jetzt zu den konkreten Änderungsmöglichkeiten: Der Deutschlandbezug ist ja aktuell schon Teil des Punktesystems, allerdings nur, wenn man einen eigenen Aufenthalt in Deutschland nachweisen kann. In Kanada gibt es auch Punkte, wenn man Verwandte im Land hat. Man könnte dies um andere enge persönliche Beziehungen ergänzen. Man muss aber auch dazu sagen, dass Menschen unter 35 mit B2-Deutschkenntnissen und 2 Jahren Berufserfahrung zum Beispiel immer die Punkteschwelle erreichen. Für Menschen über 35 oder mit B1-Deutschkenntnissen könnte die Kontaktperson, über die man einen Punkt erreicht, aber eine gute Ergänzung zum bisherigen System sein.
Weitere Sprachen aufzunehmen, sehe ich erst einmal skeptisch. Der deutsche Arbeitsmarkt ist stark durch Deutsch- und Englischkenntnisse geprägt, sodass es schon sinnvoll ist, sich bei der Punktevergabe auf diese beiden Sprachen zu beschränken. (zusätzliche Sprachkenntnisse helfen dann natürlich bei der tatsächlichen Arbeitsplatzsuche – und mit Arbeitsplatzangebot bereits vor der Einreise muss ja auch ohnehin kein Punktesystem durchlaufen werden)
Und noch ein wichtiger Punkt zum Abschluss: für Menschen mit als gleichwertig anerkanntem Abschluss (Universität oder Berufsausbildung) ist die Punkte-Vergabe ohnehin irrelevant. Sie können wie vor der Reform allein auf Basis ihrer Qualifikation zur Arbeitsplatzsuche einreisen.
Mit freundlichen Grüßen
Hakan Demir
