Wundert sich die SPD wirklich noch über die starken Wählerwanderungen zu AFD?
Sehr geehrter Herr Capar,
die vorgeschlagenen Änderungen zu gesetzlichen Krankenversicherung sind wieder einmal nur eine Verteilung von unten nach oben mithilfe der SPD. Warum machen Sie das mit? Beamte und Politiker beteiligen sich wieder einmal nicht an den Kosten. Warum macht die SPD das mit? Genauso ungerecht ist es dass nur die Versicherungspflichtigen die Bürgergeldempfänger alimentieren, und wieder einmal machen sich Beamten und Politiker "einen schlanken Fuß". Warum wird diese Ungerechtigkeit nicht behoben? Warum bezahlen nicht alle Bürger über ihre Steuern diese Kosten. Hier wird ebenfalls eine Verteilung von unten nach oben organisiert, und die SPD macht widerspruchslos mit. Da dürfen Sie sich nicht wundern, dass die meisten Arbeiter inzwischen AFD wählen. Sehen Sie nicht, dass ein Herr Klingbeil mit seiner Weigerung, diese Kosten all tragen zu lassen, die SPD immer unbeliebter bei Arbeitern macht?
MfG
Stefan L.
Sehr geehrter Herr L.,
vielen Dank für Ihre Nachricht.
Ich kann Ihren Ärger über die Entwicklung sehr gut nachvollziehen. Gerade bei der gesetzlichen Krankenversicherung haben viele Menschen völlig zu Recht das Gefühl, dass die Lasten nicht gerecht verteilt sind.
Und genau deshalb tritt die SPD seit langem für eine Bürgerversicherung ein. Denn aus unserer Sicht ist es nicht gerecht, wenn vor allem gesetzlich Versicherte immer höhere Belastungen tragen, während andere Gruppen außen vor bleiben. Unser Ziel ist ein solidarisches System, in das grundsätzlich alle einzahlen – also nicht nur Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sondern auch Beamte, Abgeordnete und weitere Einkommensgruppen.
Ich teile deshalb den Kern Ihrer Kritik: Es ist auf Dauer nicht überzeugend, gesamtgesellschaftliche Aufgaben oder strukturelle Finanzierungslücken einseitig den gesetzlich Versicherten aufzubürden. Gerade auch die Frage, wie die Kosten im Zusammenhang mit Bürgergeldbeziehenden fair finanziert werden, muss aus meiner Sicht gerechter beantwortet werden. Solche Aufgaben dürfen nicht dauerhaft vor allem über Beiträge der gesetzlich Versicherten abgefedert werden.
Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: In einer Koalition kann keine Partei jede ihrer Positionen vollständig durchsetzen. Verantwortung zu übernehmen heißt für mich allerdings nicht, Ungerechtigkeiten einfach hinzunehmen oder schönzureden. Im Gegenteil: Gerade als SPD müssen wir an diesen Punkten klar bleiben und weiter für mehr Solidarität und Gerechtigkeit kämpfen.
Für mich ist jedenfalls klar: Die richtige Antwort auf die Schieflagen unseres Gesundheitssystems ist nicht mehr Ungleichheit, sondern mehr Solidarität. Und genau dafür steht die Bürgerversicherung.
Mit freundlichen Grüßen
Mithat Capar
