Frage an Beate Müller-Gemmeke bezüglich Wirtschaft

Beate Müller-Gemmeke MdB
Beate Müller-Gemmeke
Bündnis 90/Die Grünen
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Frage an Beate Müller-Gemmeke von Matthias J. bezüglich Wirtschaft

Gestern wurde in der Tagesschau nicht nur von massiven Stellenstreichungen bei ZF und BMW berichtet. Seit Jahren gibt es Mitteilungen dieser Art. Im Börsenteil wurde bekannt gegeben, dass der durch das E-Auto verursachte Strukturwandel noch weitere 100.000 Arbeitsplätze kosten werde.
Man schaue ins Saarland oder nach NRW um zu begreifen, was ein Strukturwandel auch nach Jahrzehnten noch bedeutet. Klar, die Luft ist dort besser geworden, der Dreck wird halt jetzt woanders gemacht und mit dem Dreck haben wir auch die Arbeitsplätze exportiert. Auch die Pharma-Industrie haben wir auf diese Weise verloren und reiben uns jetzt in Zeiten von Liefer-Engpässen die Augen.
Was meinen Sie wird wohl los sein, wenn denen, die jetzt in den Auto-Regionen ihre Existenzen verlieren, klar wird, dass dies völlig unnötig ist bzw. war!? Was bleibt dann von grünen 'Erfolgen'?

Nachdem die ADAC-Studie (https://www.adac.de/-/media/pdf/tet/lca-tool---joanneum-research.pdf?la=de-de&hash=F06DD4E9DF0845BC95BA22BCA76C4206) wegen veralteter Daten verrissen wurde, hat das Fraunhofer-Institut ISI eine noch wesentlich detailliertere und transparentere Studie auf Grundlage aktueller Daten und auch prognostizierter Entwicklungen erstellt:
https://www.isi.fraunhofer.de/content/dam/isi/dokumente/cce/2019/klimabilanz-kosten-potenziale-antriebe-pkw-lkw.pdf. Schauen Sie sich dort mal die Abbildungen 2-7 bis 2-10 an. Demzufolge ist das Erdgas-Auto, sofern mit Methan aus Reststoffen betrieben, sogar besser als ein mit regenerativem Strom betriebenes E-Auto.
Bislang ist es mir noch nicht gelungen, von Ihrer Parteiführung eine Stellungnahme zu dieser neueren Studie zu erhalten. Darf nicht sein, was nicht sein soll?

Würden Biogas-Tankstellen in gleicher Weise promotet wie Ladesäulen, könnte nicht nur die Verelendung der Auto-Regionen vermieden werden, sondern die Biogaswirte, deren Strom-Einspeiseverträge reihenweise auslaufen, hätten auch noch was davon.

Das E-Auto gilt auch 100% mit Braunkohlestrom betrieben fälschlich als Zero-Emission-Vehicle. Das CNG-Auto hilft auch 100% mit Gülle-Gas betrieben den Konzernen nicht, die Vorgaben zum CO2-Flottenausstoß zu erfüllen. Wie ignorant kann Politik sein? VW hat daher den Aussstieg aus der CNG-Technologie verkündet.

Nach Angaben von VW könnte man allein aus Stroh genügend Methan für 9 Mio CNG-PKW erzeugen. Finden Sie nicht auch, dass klimaneutrale Mobilität mit Methan aus Reststoffen eine Zukunft verdient hat? Es geht auch um Jobs!

Frage von Matthias J. am
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Beate Müller-Gemmeke MdB
Antwort vom
Zeit bis zur Antwort: 1 Monat

Sehr geehrter Herr Junk,

vielen Dank für Ihre Fragen. Ihre Sorgen um die Zukunft der Automobilindustrie und der damit verbundenen Arbeitsplätze teilen wir. Auch uns treibt dieses Thema um. Die Branche steht vor einem tiefgreifenden Wandel, den wir klug angehen müssen, damit wir die Weichen für einen nachhaltigen Klimaschutz richtig stellen und gleichermaßen Beschäftigung sichern und zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen. In diesem Prozess ausschließlich auf die Erdgas-Technologie zu setzten, birgt jedoch aus unserer Sicht einige Probleme.

Ein mit Biomethan aus Reststoffen betriebener Pkw kann gewiss zum Klimaschutz im Verkehr beitragen. Doch trotz der immer wieder benannten Kostenvorteile, die sich auch durch die Steuerermäßigung auf gasförmige Kraftstoffe ergeben, werden Gasfahrzeuge weiterhin kaum nachgefragt. Deshalb hilft diese Technologie wegen der wenigen Fahrzeuge in Summe beim Klimaschutz kaum. Volkswagen ist das Beispiel für einen Hersteller, der sich offenbar entschieden hat, bei der Entwicklung alternativer Antriebe den Fokus auf batterieelektrische Lösungen zu legen – und nicht auf gasbetriebene Antriebe. Das ist auch nachvollziehbar, weil die parallele Fortentwicklung mehrerer Technologien sehr kostenintensiv ist. Natürlich wird insbesondere grünes Gas eine wesentliche Rolle in der Energiewelt von morgen spielen, beispielsweise in der Industrie. Aufgrund der begrenzten Mengen wirklich erneuerbar hergestellter Gase müssen wir jedoch gut damit haushalten und dürfen sie nicht dort verschwenden, wo bessere Lösungen verfügbar sind.

Die Ergebnisse der von Ihnen genannten Studie hängen von zahlreichen Faktoren ab, weshalb daraus keine einfachen Schlüsse zu ziehen sind. Diese Komplexität erklärt beispielsweise die hohe Bandbreite bei der Emissionsbilanz gasbetriebener Fahrzeuge in Abhängigkeit vom eingesetzten Gas, wohingegen Elektroautos selbst dann deutlich klimafreundlicher als Diesel und Benziner sind, wenn kein reiner Ökostrom genutzt wird. Auch die Emissionen in der Fahrzeugproduktion können stark variieren – sie hängen z.B. vom Einsatz erneuerbarer Energien und im Falle von Elektroautos u.a. auch von Fortschritten bei der Batterieentwicklung ab.

Ähnlich komplex verhält es sich bei der Entwicklung des Arbeitsmarktes in der Automobilindustrie. Der Wandel bei den Antriebstechnologien bringt natürlich auch einen Wandel des Arbeitsmarktes mit sich. Neue Jobs entstehen z.B. in der Batteriezellfertigung oder in der Elektrik für die Ladeinfrastruktur. Man kann hier durchaus mit positiven Entwicklungen für den Arbeitsmarkt rechnen. Eine Studie von Cambridge Econometrics geht von rund 200.000 zusätzlichen Jobs in der EU bis zum Jahr 2030 durch die Antriebswende aus. Um die Beschäftigten auf diesen Wandel vorzubereiten, braucht es fundierte Weiterbildung und Qualifizierung. Wir Grüne wollen deshalb u.a. Umschulungs- und Weiterbildungsangebote ermöglichen, die weder am Geld, noch an der Zeit der Beschäftigten scheitern. Darüber hinaus wollen wir regionale Transformationsmittel bereitstellen, um insbesondere die vom Strukturwandel betroffenen Zulieferer der zweiten und dritten Reihe zu unterstützen, ihre Produkte und Produktionsprozesse zu ökologisieren und damit den neuen Marktanforderungen gerecht zu werden.

Wir können die Klimakrise nur stoppen, wenn auch der Verkehr klimafreundlich wird. Dieser Wandel ist also notwendig. Diese Transformation muss aber sozial-ökologisch verlaufen. Das bedeutet, dass wir natürlich die Beschäftigten der Automobilbranche im Blick haben. Sie brauchen Chancen und Perspektiven. Anders wird eine Transformation nicht funktionieren.

Mit freundlichen Grüßen

Beate Müller-Gemmeke

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